ISBN 978-3-86931-040-4
Nähere Angaben im Impressum.
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Jeder meint, dass seine Wirklichkeit die Richtige ist.
Hilde Domin

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16. März 2007
Wie alles begann ....
„Ich hatte einen Traum, da träumte ich …. da träumte ich … du warst ein großer Fisch und schlucktest mich, schlucktest mich … “
Gar nicht so einfach, mit diesem schiefen Gesicht zu singen.
„… als unverdauter Speiserest rutschte ich so dann … und freundete mich ganz fest mit einem Heringsweibchen an … ich armer Jonas.“
Ich stand vor dem Badezimmerspiegel und versuchte, mir auf der Nasenspitze einen Pickel auszudrücken.
„… wir hatten viele Kinder in dem Jahr … die sahen aus, wie frischer Kaviar, wie Kaviar …“
So ganz kannte ich den Text nicht mehr und die Nase färbte sich langsam rot.
„… ich schluckte sie mit Appetit … das Heringsweibchen hat geflennt …“
Es hatte keinen Zweck; der Pickel war noch nicht reif und die Nase sah schon aus, als wäre eine Tomate darauf explodiert. Zu allem Übel war mir auch noch der restliche Liedtext entfallen. Das Lied war von Degenhardt und bestimmt schon 30 Jahre alt. Lebte der eigentlich noch? Wenn ja, konnte der auch nicht mehr zu den Taufrischen gehören.
Ich versuchte einen neuen Ansatz:
„… ich schluckte sie mit Appetit …“ Mir fiel nur noch ein, dass das Heringsweibchen den armen Jonas verlassen hatte! Kein Wunder …
Ein winziger Tropfen Blut machte sich auf meiner Nasenspitze breit. Das zwang mich zur Aufgabe. Ich riss eine kleine Ecke Klopapier von der Rolle und klebte diese auf den entstandenen Blutfleck. Durch einen Blick in den Spiegel erkannte ich, dass meine Schönheit drastisch abgenommen hatte.
Ich gab sofort auf und schlurfte ins Wohnzimmer. Frau, Sohn und Hund starrten mich mit aufgerissenen Augen an. „Sagt jetzt nichts Falsches“, zischte ich sie zähnefletschend an. Der Hund knurrte.
Dabei war der Tag eigentlich recht gut gelaufen. Es war heiß draußen. Wir lungerten den ganzen Nachmittag im Garten herum und nahmen kühle, relativ alkoholarme Getränke zu uns. (Der Hund und der Sohn natürlich nicht) Vielleicht hatte ich ja auch nur einen leichten Hitzekoller. Plumpsend fiel ich in den Sessel. „Mach den Sessel nicht kaputt!“ O.K., abnehmen müsste ich auch mal wieder, sonst würde das irgendwann unsere Möbel ruinieren. Bei meinem dünnen Einkommen war das eine gefährliche Sache, die uns womöglich auch noch in den Ruin treiben könnte. Ruin oder Kilos, darauf lief es hinaus. Ich hatte mich bis jetzt noch nicht ganz entscheiden können.
Da ich sowieso schon trübe Gedanken hatte, schaltete ich den Fernseher ein.
20:00 Uhr, die Tagesschau im Ersten, Pflichtprogramm!
Eigentlich war auch das immer dasselbe: Irgendwo auf der Welt brachten islamistische Selbstmordattentäter irgendwelche armen Menschen um, irgendwer wollte mehr Geld vom Bundesfinanzminister – was dieser natürlich brüsk von sich wies – irgendein tropischer Wirbelsturm bügelte eine Ortschaft nieder, von der vorher noch niemand etwas gehört hatte. Augenblicklich und sofort geriet dieser Ort auch wieder in Vergessenheit.
Nach gut 12 Minuten waren alle Mord- und Unglücksthemen des Tages abgearbeitet. Sofort machte sich Erleichterung auf den Sofas der Welt breit. Kurz vor Schluss wollte man dann den gepeinigten Zuschauern noch etwas Gutes tun und sie nicht so frustriert in den Abend entlassen. Vermutlich hatten Fernsehredakteure doch ein Gewissen. Wie üblich kamen dann noch zwei, drei Meldungen, welche die ganzen Grausamkeiten und Mordkomplotte vergessen machen sollten.
Die erste Meldung habe ich, dank Belanglosigkeit, nicht richtig wahrgenommen. Es könnte sich um einen singenden Goldhamster gehandelt haben. Die zweite Meldung handelt von einem Sack Reis, der dieses Mal in Kanada und nicht in China umgefallen war. Die 3. Meldung ließ mich aus meiner Halbdämmerung erwachen und blitzartig aufmerksam werden:
Gewaltige Eismassen am Südpol des Mars entdeckt!
Fotos der europäischen Weltraumsonde "Mars Express" hatten es bereits vermuten lassen: Der Südpol des Mars ist mit einem Eispanzer bedeckt. Die Auswertung von Daten eines auf der Sonde stationierten Radarmessgerätes ergab nun, dass die Eismassen bis zu 3700 Meter dick sind. Das berichtet ein internationales Forscherteam um Peter Edenhofer von der Ruhr-Universität in Bochum in der Fachzeitschrift "Science".
Die Forscher schätzten das Eisvolumen auf 1,6 Millionen Kubikkilometer. Würde der Südpolgletscher schmelzen und sich das Schmelzwasser über den gesamten Planeten verteilen, entstünde ein Meer mit einer Tiefe von elf Metern.
Die genaue Zusammensetzung des Eises ist nach Angaben der Forscher noch unbekannt. Sie gehen aber davon aus, dass es sich vorwiegend um gefrorenes Wasser handelt.
Die Radarmessungen wurden bei 300 Umrundungen der Sonde der Europäischen Weltraumsonde ESA zwischen November 2005 und April 2006 aufgezeichnet. Vergleichbar mit einem Echolot sandte "Mars Express" Radarwellen aus, die von der Eisoberfläche gespiegelt und in der Raumsonde wieder registriert wurden.
… und jetzt das Wetter:
Fassungslos starrte ich auf den Fernseher. Eine Meldung, wie ein Monolith, wir sahen den Beginn eines Phasensprunges der Menschheit, der Start in eine neue Zukunft für die gesamte Spezies dieses Planeten …
… und die Beachtung war gleich „Null“! Einige, wenige Sätze vor der Verkündung des Azorenhochs Hermine! Ich war fassungslos!
Noch vor wenigen Monaten las ich in der „Rheinischen Post“, wie wichtig so ein Fund wäre. Man wolle bei künftigen Marsexpeditionen in der Lage sein, dort mittels gefundenen Wassers, Wasserstoff zu erzeugen, um nicht den ganzen Treibstoff für den Hin – und Rückflug mitschleppen zu müssen. Man arbeite bereits an Modellen und in 20 Jahren solle sich die erste Mission bereits auf den Weg machen usw. usw. … Lieber Gott, ich bin fast 60! Ich hatte mir schon ausgerechnet, dass ich bei halbwegs gesunder Lebensweise, noch erleben würde, wie die Menschheit zum Mars konvertiert. Das größere Problem schien mir meine Lebensweise aber auf keinem Fall diese Marsexpedition.
Mir als alten Perry-Rodan-Leser lag die Belanglosigkeit dieser Tagesschaumeldung schwer im Magen.
Zur Frustbewältigung rief ich nach dem Hund. Dieser sprang aus dem Stand heraus, mit allen Vieren gleichzeitig in die Luft und rannte zur Tür. Ich auch.
Zwergschnauzer sind kluge Tiere. Sie sind zwar klein, haben aber das Bewusstsein eines Riesenschnauzers. Zum Glück sind sie so klein. Dadurch kann man sie vor der Zerfleischung durch andere Hunde retten, in dem man sie einfach auf den Arm nimmt. Das ist sehr wichtig, denn in 99 % aller Fälle zetteln Zwergschnauzer die Keilereien an.
Aber sonst ist er ein anständiger Hund und auf jedem Fall wesentlich klüger, als zum Beispiel jeder Golden Retriever auf diesem Planeten. Aber das ist ja nicht besonders schwer. Deswegen werden Golden Retriever ja meistens auch von Sozialpädagogen oder Lehrern in Cordhosen gehalten. Die Bewusstseinsstufe ist ähnlich und Herrchen und Hund bewegen sich auf Augenhöhe. Meine Schwester hat auch so einen Hund; ist allerdings kein Sozialpädagoge.
Aber heute drohte keine Gefahr. Wir waren ganz allein und steuerten die Felder hinter unserem Haus an. Es war noch immer recht warm. Und das im März. Die Klimaerwärmung hatte nicht nur Nachteile. Wenn man genau überlegte, verdankten wir das schöne Wetter doch hauptsächlich unseren amerikanischen Freunden und deren Luftverpestung, mit ihren wunderschönen überdimensionierten Autos. Eine tiefe Dankbarkeit erfüllte mich an diesem warmen Frühlingsabend.
Die Leid tragenden waren, wie immer, die armen Ölscheichs. Hier ein warmer Winter, dort nur noch ein tröpfeln der Erdölgelder. Ich sah die Zeit schon kommen, in der die Scheichs mit einer leeren Tupperdose vorm Kaufhof saßen und jeden Passanten anquatschten: „ Haste mal ´nen Euro für´n armen Scheich?“ Aber vielleicht gab es so etwas, wie Hartz 4 auch in Dubai, um soziale Härten etwas abzumildern.
Ich hoffte jedenfalls, dass es nie dazu kommen wird. Weniger Erdölverbrauch, weniger Klimaerwärmung, kältere Winter! Wer wollte denn so was?
Überall in der Landschaft standen jetzt auch schon diese riesigen Windräder. Windkraft statt Erdöl! Wo sollte das noch hinführen …
Na ja, die Zeiten mit den kalten Wintern sind ja zum Glück endgültig vorbei.
Noch in den 80ern waren viele Menschen aus Temperaturgründen, nach Gomera oder Mallorca ausgewandert. Die werden alle zurückkommen, dass ist mir längst klar. Vorteile über Vorteile!
Es begann dunkel zu werden. Dem Hund war es egal; er konnte sowieso nicht gut gucken. Bei mir war das anders, deswegen gingen wir zurück.
Eines der beiden Sofas war leer. Der Sohn hatte sich in sein Zimmer verkrochen und pubertierte dort wohl vor sich hin. Dumpfe Geräusche drangen durch die Tür. Ich vermutete, dass das Musik sein sollte. Konnte allerdings auch ein Schlagschrauber sein, mit dem er sein Skateboard auseinander nahm. Wie dem auch sei; ich schnappte mir aus dem Küchenschrank einen großen leeren Plastikbecher, mit der Aufschrift „Müller-Milch“ und ließ mich aufs Sofa fallen. Auf gute und exklusive Trinkgefäße legte ich schon immer sehr viel wert.
Vor mir auf dem Wohnzimmertisch stand ein 1,5 l –Tetra-Pack, angefüllt mit dem köstlichen Weißwein zu 1,19 €, aus dem Penny-Markt. Auf der Packung war als Anbaugebiet „Europa“ angegeben. Ich erwähnte kurz zu meiner lieben Frau, dass das doch eine recht präzise Beschreibung wäre. Ich machte mir den Becher, wie immer, randvoll und leerte ihn probeweise mit einem Zug. Spazierengehen mit dem Hund macht mich immer schrecklich durstig.

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Nach dieser kurzen kulinarischen Kostprobe vermutete ich, dass man vergessen hatte, auf der Packung noch als Anbaugebiet den Polarkreis anzugeben. Damit dem stillen Genießer durch die überaus natürliche Säure des Weines nicht die Mundwinkel einfroren, wurde der Wein vermutlich aus Vernunftgründen mit glycosehaltigem Frostschutzmittel verfeinert. Ich beschloss augenblicklich, diesen Wein zu meiner Hausmarke zu machen und am nächsten Tag eine größere Verpackungseinheit zu besorgen. Interessant war auch der Hinweis auf der Verpackung, dass dieser Wein lieblich sei. O.k., vielleicht ein Druckfehler. Kann passieren in der Hektik des Alltags. So Kleinigkeiten nehme ich Niemandem krumm.
Das Fernsehprogramm war, wie immer, hervorragend. Ich empfand es nur als etwas störend, dass die Werbung häufig durch dümmliche amerikanische Filme unterbrochen wurde, in denen viel zu viele Menschen starben. Fünf hätten ja gereicht. Aber musste es immer gleich die halbe Weltbevölkerung sein? Aber man konnte ja umschalten.
Ich streckte mich lang aus, knautschte ein Sofakissen unter meinem Kopf zusammen und ließ die Beine über die Sofalehne baumeln. Leider hatte ich das 2er-Sofa erwischt und diese sind ja bekanntlich selbst für Zwerge zu kurz.
Nach dem dritten Becher dieses wunderbaren Weines nickte ich ein. Später wurde behauptet, ich hätte furchtbar geschnarcht. Das wurde natürlich vehement von mir bestritten.
Der Traum begann ganz harmlos …
… es lag ein feiner, bräunlicher Staub in der Luft. Ein extrem feiner Staub. Der Staub war überall. Die ganze Stadt war davon erfüllt. Staub, Staub, nichts als Staub.
Er war nicht einmal besonders unangenehm, sogar leicht wohlschmeckend, nach… ja, nach was eigentlich? Zimt? Nein, das war es auf gar keinem Fall. Der Geschmack war so, als kannte man ihn schon immer. Und trotzdem: Etwas stimmte an ihm nicht. Man atmete ein und fühlte sich wohl. Wirklich wohl? Nein, das stimmte auch nicht. Etwas war falsch! Oder doch nicht? Gift! Nein, quatsch, kein Gift. Oder doch? Aber keinem der Menschen passierte etwas. Saharastaub! Ja, das musste es sein. Davon hörte man häufiger. Ein paar mal im Jahr wurde er herangeweht. Ich war noch nie in der Sahara. Ein Staub, dessen Geschmack irgendwie an Zimt erinnerte? Aus der Sahara? Ich fühlte mich leicht benebelt. Bekifft! Nein nicht bekifft, es war anders. Aber wie? Es war fremd. Die Sahara war auch fremd. Also doch Saharastaub. Nach Zimt? Die Zimtsahara? Warum war Zimt dann immer noch so teuer, wenn man es für seinen Glühwein kaufte. Ich werde das näher untersuchen müssen, vor allem die religiösen Aspekte. Mit dieser Antwort gab ich mich erst mal zufrieden.
Mist, war schon kurz nach zehn. Ich hatte mich verspätet und beinahe meine Vorlesung vergessen. Zum Glück hatte ich es nicht weit. Ich brauchte nur 10 Minuten bis zu unserer Fachhochschule. Natürlich fuhr ich, wie immer, mit meinem Fahrrad. Dieses Fahrrad war schon im ganzen Institut bekannt. Ich hatte es vor Jahren mit gelber Farbe angestrichen und dann mit schwarzen Tupfen dekoriert. Das Leopardenmuster machte wirklich etwas her. Mein Sozialprestige stieg seit dieser Tat ins Unermessliche. Außerdem gab es vor Jahren bei Mc. Donalds ein kleines Plastikflugzeug mit sich drehendem Propeller. Dieses hatte ich am Lenker befestigt. Besser ging es nun wirklich nicht. Außerdem erhöhte es die Geschwindigkeit des Fahrrades, wenn der Wind blies. Bei Gegenwind ganz schön praktisch.

Als ich vor 10 Jahren meine Ausbildung am Institut für Molekulartheologie begann, hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich dort irgendwann Kariere machen und als unordentlicher Professor mein täglich Brot verdienen würde. Ich hatte einfach Glück gehabt.
Jetzt war ich 37. Seit zwei Jahren lag ein Angebot auf dem Tisch, mich endlich zum ordentlichen Professor, mit Beamtenstatus und monatlichen geregelten Bezügen zu machen. Bis jetzt konnte ich mich dagegen noch erfolgreich wehren, denn das hätte mich schon stark eingeschränkt und natürlich auch einen großen Teil meiner Freiheit gekostet. Außerdem lagen die ersten ausländischen Angebote vor. Meine kostspieligen Forschungen wären dort mit Sicherheit besser unterstützt worden.
Aber der Boss dieser Schule, dieser schleimige Dekan! Er ging mir permanent auf die Nerven. Irgendwann würde ich Farbe bekennen müssen.
Meine Vorträge über die Rotverschiebung bei der Herstellung von Erdnussflips und die daraus resultierenden religiösen Aspekte waren eigentlich immer gut besucht. Es gab sogar schon erste Presseveröffentlichungen zu diesem seltenem, doch wichtigen Forschungsgebiet. Einige Quantentheoretiker zogen schon die ersten Vergleiche zu einigen Kartoffelchipsorten. Das konnte mir nur recht sein. Die mit ihren Chipsletten und Salzstangen lagen ganz schön daneben. Aber das wussten im Moment nur meine beiden Assistenten, ein kleiner Kreis meiner Studenten, welche zwangsweise an den umfangreichen Versuchsreihen teilgenommen hatten und natürlich ich.
Hätten wir nur schon den neuen Reaktor! Es lässt sich kaum erahnen, was das für unsere Forschungen bedeuten würde. Unser Wissen würde sich blitzartig multiplizieren. Leider war der Haushalt des Institutes begrenzt, Forschungsgelder flossen spärlich. Aber man machte uns von höchster Stelle Hoffnung. Einige Kindergärten und Altentagesstätten sollten geschlossen werden. Dann waren Gelder frei und wir bekamen vielleicht den neuen Reaktor. Ab und an griff uns auch die Industrie unter die Arme. Aber wenn die merkten, dass die Ergebnisse nicht mit ihren religiösen Einstellungen übereinstimmten, drehten sie den Geldhahn schnell wieder zu. Zum Glück ist Wissenschaft unbestechlich und natürlich ganz besonders die Molekulartheologie. Das liegt im Kern der Sache. Schließlich drehte es sich hier um Religion! Und konnte man die Gefühle von Millionen Bürgern verletzen? Unmöglich!
Als ich in der FH ankam, war der Staub schon so dicht, dass man nur noch wenige Meter sehen konnte. Er benebelte angenehm die Sinne. Das fiel mir sofort vorteilhaft auf. Zum Glück war ich ja Asthmatiker und hatte mein Original-Berotec-Asthmaspray dabei. Ich nahm zwei Züge.
Etwa zwanzig Stundenten lungerten im Hörsaal herum. Ich war überrascht. Der Hörsaal fasste über 100 Leute. Manchmal waren nicht einmal genug Sitzplätze da, so groß war der Andrang. Was war passiert? Hatte das Bisschen Staub schon gereicht, sie vom Unterricht abzuhalten? Irgendwie schien mir diese Generation doch stark verweichlicht. Hatte jemand in München einen Schnupfen, zog man sich im Rheinland einen Pullover an. Weicheier!
Die wenigen Anwesenden schienen sich überhaupt nicht für mich zu interessieren. Einige lungerten in der hintersten Ecke, die Füße quer über die Lehnen der Vorderstühle gelegt und amüsierten sich köstlich. Worum es ging, bekam ich leider nicht mit.
Zwei Reihen vorher knutschte ein Pärchen hemmungslos herum. Er hatte gerade die Hand unter ihrem Pullover und sie versuchte den Gürtel seiner Hose zu öffnen. Da er aber mindestens 130 Kilo wog, war das nicht so einfach. Ich wusste nur, dass dieser Student Fritz hieß. Die Frau gehörte gar nicht in diesen Studiengang, da war ich mir ziemlich sicher. Sie schien Asiatin zu sein. Vielleicht eine Chinesin. Was wollte die hübsche Frau mit diesem fetten Kerl?
Alle Fenster waren weit geöffnet. Der Staub verteilte sich langsam und gleichmäßig im ganzen Raum und auf der kompletten Einrichtung.
Ein Mann mit zotteligen Rastazöpfen um seinen schon kahl werdenden Schädel, klopfte mir heftig auf die Schulter. Ich drehte mich um und sah in seine riesengroßen Pupillen. Seine Augen waren gerötet. Seine Stimme überschlug mich und er brüllte mir ins Ohr, als verkünde er das neue Evangelium: „Der Staub, dieser unglaubliche Staub, dieser Staub, dieser Staub, Staub, Staub, Staub, trara, ein Geschenk des Himmels! Hallelujah! Kein Vergleich zu diesem Weißwein aus dem Penny-Markt.“ Diesen Mann hatte ich schon einmal gesehen. Ich glaube, er schob im „Real“ die Einskaufswagen zusammen. Wie zur Bestätigung erblickte ich neben dem Katheder einen leeren Einkaufswagen. Ich überlegte kurz, ob ich den Wagen noch für irgendwas verwenden konnte, ließ den Gedanken aber sofort wieder fallen, denn jemand lauerte vorsichtig um die weit geöffnete zweiflügelige Eingangstür. Diese Person rief dabei zaghaft „Kuckuck“ und zog dann den Kopf blitzartig für ca. fünf Sekunden aus meinem Blickfeld. Danach lauerte er wieder um die Ecke: „Kuckuck!“ Weg war er. „Kuckuck.“ Es war der Dekan!
Mir wurde klar, dass diese Unterrichtsstunde besser ausfallen sollte. Ich zweifelte auch, dass alle relevanten theologischen Zusammenhänge von mir noch anständig vorgetragen werden könnten. Zur Vorsicht nahm ich noch zwei Züge von meinem Berotec-Asthmaspray. Das Zeug schien mich vor diesem Staub ein wenig zu schützen. Ich hatte nur ein Säuseln im Kopf, gepaart mit einem leicht euphorischen Gefühl. Beinahe so, als hätte ich drei Plastikbecher Weißwein aus den Tetra-Paks vom Penny-Markt getrunken.
Ich ging wieder nach draußen. Der Staub war dichter geworden. Mein Fahrrad stand noch da, wo ich es abgestellt hatte. Auch nicht normal in dieser Zeit. Ich schnappte es mir und fuhr nach Hause. Ich dachte mir, dass das wohl das Beste sei, was man in dieser Situation machen konnte.
Der Verkehr auf den Straßen war zum Erliegen gekommen. Einzelne Autos versuchten mit Abblendlicht und im Schneckentempo noch ihr Ziel zu erreichen. Einzelne fuhren auf der falschen Straßenseite, andere in interessanten Schlangenlinien. Die sanften Bewegungsabläufe der Fahrzeuge faszinierten mich. Unwillkürlich dachte ich an ein Autoballett. Ein langsamer Walzer im braunen Schneegestöber.
Home, home, sweet home! Endlich kam ich zu Hause an. Das Empfangskomitee wartete schon. „Chef, möchtest du ein Bisschen Musik hören? Ich habe da was Schickes Neues im Internet aufgeschnappt.“ Wie immer lungerte mein blöder MP9-Player an der Tür und wartete auf mich. Es war ein Kreuz! Irgendwann hatte ich das Teil in eBay erstanden. War eigentlich ein guter Deal. Aber inzwischen war ich mir ziemlich sicher, dass es sich hier nicht um ein Original handelte. Vermutlich hatte man mir ein chinesisches Plagiat angedreht. Daher natürlich der günstige Preis! Alle hatten es gemerkt, nur ich wieder nicht. Technische Geräte und eBay: Zwei Welten prallen auf einander. Aber was sollte man machen? Zurückgeben ging ja nicht. Die Transportkosten nach China würden den bezahlten Preis mit Sicherheit übersteigen.
Ich erinnerte mich mal wieder: Vor etlichen Jahren hatte die Firma Apple damit angefangen. Sie verkauften eine Station, in die man den iPod einklinken konnte. Diese Station war mit zwei Rollen ausgestattet. Wollte man Musik hören, brauchte man nur rufen und das Ding kam angerollt und spielte, was man wollte. Für 999 Euro! Ging eigentlich, war aber trotzdem ein Misserfolg.
Zu diesem Zeitpunkt ahnte natürlich noch niemand, dass Apple in wenigen Jahren Pleite machen würde und Honda die Aktien, mit klitzekleinem Geld erwarb und die komplette Firma einsackte. Kombiniert mit ihren eigenen Robotern, entwickelten sie den MP5-Player, den auch keiner haben wollte. Erst der MP9-Player wurde ein kommerzielle Renner. Jeder wollte ihn! Er war auch wirklich Klasse. Seitdem Sony dann Honda schluckte und die eigene Firma in Syno umbenannte, gab es kein Halten mehr.
Der MP9-Player war ideal für Campingzwecke und Outdooreinsätze. Er konnte mit Strom, Biogas und Alkohol betrieben werden. Außerdem verfügte er über eine kleine Solarzelle. Die brachte allerdings nicht viel. Man konnte sie eigentlich nur als Notstromversorgung betrachten.

Nur sollte man diese Dinger besser nicht bei eBay kaufen. Übrigens, wie bei allen elektrischen Geräten, Uhren, Schmuck und weiß der Teufel was noch. Der MP9-Player konnte laufen, hatte Hände und Arme, eine Pseudopersönlichkeit und verschiedene externe Versorgungsmöglichkeiten.
Allerdings hatten wir mit unserem eigenen Modell daneben gegriffen. Es war furchtbar arrogant und grabschte mit seinen langen Fingern alles an. Überall fand man seine Spuren. An manchen Sesselbeinen waren Ölflecken. Es sah aus, als hätte er dahin gepinkelt. Diese Verhaltensweisen waren mir vorher von diesem Modell nie zu Ohren gekommen. In der Bedienungsanleitung fand ich auch nichts, was mir da hätte weiter helfen können. In der Fernsehwerbung sprach natürlich auch niemand darüber. War wohl auch vernünftig so, sonst hätte keiner das Ding gekauft. Die Situation besserte sich erst, als ich ihm die Arme abschraubte. Jetzt konnte er nichts mehr antatschen und pflegte fortan einen höflich, zurückhaltenden, allerdings auch schleimigen Ton. Das Pinkeln an die Möbel hörte auch auf. Ein Rundumerfolg! Ich schwor mir jedenfalls, ihm bei nächster Gelegenheit noch ganz andere Teile abzuschrauben.
Das mit den Armen hatte natürlich seine Funktionen nicht wesentlich beeinträchtigt. Schließlich sollte er doch nur Musik machen und ein wenig zur Unterhaltung beitragen.
„Chef, ich hab´ was Geiles im Internet von den Beatles gefunden. Kennt sonst noch kein Schwein.“ Er wusste, wie er mich rumkriegen konnte. Aber ich blieb natürlich hart. „Nein, jetzt nicht.“ „Später?“ „Mal schauen.“ „Heißt das, ich habe das toll gemacht?“ „Ja, hast du toll gemacht“, entgegnete ich, schon leicht gereizt. Ich hatte jetzt wirklich andere Probleme. „Könnten wir dann bitte noch einmal kurz über meine Arme reden, nur einen kleinen Moment?“ „Nein!“ Es lief immer wieder auf dasselbe hinaus. Mir war absolut klar, würde ich ihm seine Arme wieder geben, würde er augenblicklich wieder alles angrabschen.
Meine Frau erschien auf der Bildfläche. Sie schaute mich an, als wäre überhaupt nichts geschehen: „Hast du Hunger? Soll ich dir was zu essen machen? Ich habe jetzt noch gar nicht mit dir gerechnet. Der Sohn ist auch schon da. Er hat noch keinen Hunger. Du auch nicht?“
Merkwürdig! Ich hätte doch wenigstens Hunger haben können. Sie hingegen schloss das jedoch von vorne herein aus. Als Wissenschaftler und Molekulartheologe machte mich das stutzig. Eigentlich hatte ich ja bekanntlich immer Hunger und war ziemlich verfressen. Dass ich jetzt keinen Hunger hatte, machte mich noch stutziger. „Nein, ich will auch nichts. Was sagst du zu diesem furchtbaren Staub?“ „Ach ja, der Staub …“ Sie lächelte sanft und ihr Gesicht verklärte sich. Ich überredete sie zwei Züge von meinem Asthmaspray zu nehmen. Hand in Hand standen wir danach am Fenster und schauten hinaus. Es war ein wunderschöner Anblick.
Der Staub legte sich langsam. Wir blickten auf eine Winterlandschaft. Nur das der Schnee braun war und duftete. „Eigentlich recht hübsch“, meinte sie, „wird wohl noch eine Zeit dauern, bis das da alles weg ist. In der Stadt hat das die Straßenreinigung sicher schnell im Griff aber auf unseren Wiesen und Feldern …“
Die Sonne kam langsam durch. Sie hüllte die ganze Welt in ein diffuses, noch nie gesehenes Licht. Ich blinzelte unwillkürlich. Bei längerem Hinsehen sah es so aus, als wenn der Staub sich unter der Einwirkung des Sonnenlichtes auflöste oder besser gesagt, vom Boden langsam aufgenommen wurde.
Eine Stunde später war das Schlimmste vorbei. Das Einzige, was blieb, war dieser Geruch nach …
Am Abend in der Tagesschau war dieses Ereignis wieder nur eine Kurzmeldung, kurz vor der Wetterkarte. Wichtige Wissenschaftler hatten herausgefunden, dass es sich hier um Nanostaub handelte. Dieser wurde wunderbar vom Körper aufgenommen und veränderte die DNA nur ganz leicht. Kein Grund zur Besorgnis. An den Geruch würde man sich schon gewöhnen.
… ich wachte auf und sah, dass ich allein war! Die Familie hatte sich schon in die Betten verzogen. Fernseher und Licht waren aus. Vor dem Haus stand eine Straßenlaterne und tauchte den Raum in fahles gelbes Licht. Die Möbel warfen lange Schatten auf den dicken dunkelroten Teppichboden.
Meine Blase drückte. Seit Jahren hatte ich Ärger mit meiner überdimensinierten Prostata. Sie quälte mich Nacht für Nacht. Mehrmals musste ich zum Klo. Da saß ich dann und wartete, bis der Urin tröpfchenweise in die Schüssel fiel. Zurück im Bett, schlief ich dann in der Regel schnell wieder ein. Wenigstens etwas.
Auch diese Nacht war es hoffentlich so. Schwerfällig rollte ich mich vom Sofa. Ich ärgerte mich. Der Traum wurde gerade spannend. Hoffentlich wusste ich nachher noch, wo ich dran war. Außerdem war ich jetzt wieder 20 Jahre älter und natürlich auch 20 Kilo schwerer. 37! Im Traum war ich wieder 37 und topfit und nicht 57, wie im wirklichen Leben. Träume hatten Vorteile! Ich zog mich bis auf die Unterhose aus und warf meine Sachen achtlos auf einen Sessel. Mein Hirn war noch umnebelt. Der gute Weißwein …
Als alles erledigt war, schlich ich mich ins Bett. Das war bei dem Gewicht nicht ganz so einfach. Der Hund lag auf meinem Kopfkissen, blinzelte mit einem Auge und knurrte mich an. Meine liebe Frau hörte auf zu schnarchen und gab leise gurgelnde Geräusche von sich. Ich erstarrte kurz in meinen Bewegungen. Das half, sie schlief friedlich weiter. Jetzt nur noch der Hund. Ich hob die Bettdecke und schob ihn vorsichtig darunter. Er wehrte sich nur verhalten. Dann schlüpfte ich vorsichtig auch ins Bett und drückte ihn mit den Füßen ans Fußende. Er schnappte nicht einmal zu. Nach wenigen Sekunden hatte die Lage sich wieder beruhigt und ich schlief ein.
… aha, wo war ich noch stehen geblieben: Richtig, der Staub!
„Liebling, du musst noch zum Penny-Markt. Der Wein ist alle.“ Meine Frau hatte natürlich Recht. Ich holte mein Fahrrad wieder aus dem Keller und befestigte meine schönen orangen Satteltaschen am Gepäckträger. Sie waren inzwischen etwas in die Jahre gekommen. Ich hatte sie vor mindestens fünfzehn Jahren im Family-Center bei Ikea für 9,99 DM erworben. Da gab es noch die DM! Zum Glück hatten wir ja jetzt den Euro. Der ist zwar nichts mehr wert aber bedeutend hübscher. Gebe es diese tollen Taschen noch bei Ikea, würden sie bestimmt 29,99 EURO kosten.
Angefüllt mit diesen wichtigen Überlegungen fuhr ich zum Penny-Markt. Ich überlegte, ob ich das Fahrrad abschließen sollte, kam aber zu dem Entschluss, dass in Träumen nicht geklaut wird.
Die Einkaufswagen standen kreuz und quer auf dem Parkplatz. Das war neu! Die Leute hatten sie einfach achtlos stehen lassen. Das war gut so, denn in jedem Einkaufswagen steckte noch ein Euro. Ich schob schnell mehrere Einkaufswagen zusammen und nahm die Münzen heraus. Super! Jetzt war der Wein umsonst. Meine Frau würde stolz auf mich sein.
Im Penny-Markt war eigentlich alles, wie immer. Horden von gelangweilten Hausfrauen quatschten zwischen den Regalen. „Hast Du den Staub gesehen?“ „Nee, was für ´n Dreck!“ „Wer soll das bloß wieder alles wegmachen.“ „Ich jedenfalls nicht.“ „… und wie das aussieht!“ „Furchtbar!“ „Früher gab es so einen Dreck nicht.“ „Ausser Sahara? Wenn das man stimmt …“ „ … ich will ja nix sagen, ich hab´ ja nix gegen Ausländer aber …“
Ich schnappte mir vier Tetra-Packs und packte sie in meinen Einkaufswagen. Mehr passten leider nicht in die guten Ikea-Satteltaschen. Aber das war ja kein Problem, man konnte öfters fahren. Der Penny-Markt war nicht weit und mit dem Fahrrad fielen auch keine Zusatzkosten an. Diese Feinheiten sollte man als Vegetarier schon gut beachten.
Ich steuerte meinen Einkaufswagen zur Kasse. Ich war der Neunte. Vor mir zwei heftig gestikulierende Hausfrauen, welche die Frage des besseren Geschirrspülers einfach nicht klären konnten. Gelangweilt tastete ich mit den Augen die Regale ab. Am Zeitungsregal blieb mein Blick hängen. Vielleicht sollte ich noch den neuen „Stern“ mitnehmen. Ich suchte den Stand ab. Vergeblich. Ersatzweise nahm ich die neue „Bravo“ mit. Das ging auch. Vom Inhalt her machte das ja bekanntlich sowieso keinen Unterschied. Ich huschte wieder auf meinen Platz in der Kassenschlange. Eine Oma zählte der Kassiererin mindestens zwanzig Euro in Centstücken auf den Tresen. Immer erwischte man die falsche Kasse, dachte ich. Omas sollte man das Einkaufen verbieten. Hatten die keine Kinder oder Enkel, die das übernehmen konnten?
Mein Blick wanderte über die Einkaufswagen und weiter, auf das gefüllte Fließband. Ein guter Psychologe würde bestimmt bei den meisten Leuten, an Hand ihrer Einkaufslisten, deren Charakter prima analysieren können.
Einer kaufte Putzmittel, Frühstückskorn und eine Bild-Zeitung. Eine dicke Frau legte eine Flasche Eierlikör, Putzmittel und ein Mickey-Maus-Heft aufs Band. Ein älterer Herr hatte Erdbeersekt, Putzmittel und eine 200er Packung Zigarettenhülsen im Wagen. Interessant …
Plötzlich fiel es mir, wie Schuppen aus den Haaren. Das jeder Putzmittel kaufte war eigentlich logisch. Der Staub musste beseitigt werden. Damit wollte niemand leben. Es konnte auch reiner Zufall sein, dass beinahe jeder Kunde nur drei Teile kaufte. Aber warum zum Kuckuck hatte denn kein einziger Mensch Lebensmittel im Wagen? Das hier ist ein Supermarkt! Hier kauft man hauptsächlich Lebensmittel! So einen Zufall konnte es nicht geben.
Langsam dämmerte es mir und ein erschreckender Gedanke machte sich breit. Allen Menschen in diesem Laden ging es genauso, wie mir: NIEMAND HATTE HUNGER!
Augenblicklich erkannte ich, was dieser Staub wirklich verursacht hatte: Alle Menschen fühlten sich satt. Aber das noch Unfassbarere daran war: Niemand störte dieser Umstand und nur wenige bemerkten, was hier eigentlich geschah. Wie sich später noch herausstellen sollte, waren es die Asthmatiker, die noch einigermaßen den Überblick behielten. Hastig nahm ich zwei Züge von meinem Spray. Das ließ mich klarer denken. Auch merkwürdig! Man benutzte doch Asthmaspray, um die Bronchien freizuschaufeln und somit besser atmen zu können. Ich konnte wunderbar atmen. Nur mit dem Denken haperte es. Durch das Spray wurde der Schleier, der mein Hirn umgab, für eine gewisse Zeit etwas aufgelöst. Ich musste unbedingt zum Arzt und mir eine doppelte Klinikpackung von dem Zeug verschreiben lassen.
Außerdem waren jetzt Nachforschungen wichtig. Wozu war ich schließlich Wissenschaftler und ein strahlender Stern am Himmel der Molekulartheologie? So schnell ich konnte, fuhr ich nach Hause und teilte alle Beobachtungen meiner lieben Frau mit. Mit einer Hand wimmelte ich den MP9-Player ab. Sie sagte daraufhin etwas sehr Kluges über das ich lange nachdenken musste: „Mach endlich den Wein auf!“ Während wir das erste Tetra-Pack leerten, überlegten wir, was zu tun sei. Der aufmerksam lauschende Sohn hatte einen Lösungsvorschlag. Dieser war so genial, dass selbst der treue Hund die Ohren spitzte: „Lasst uns was essen!“
Dieser Bengel! Von wem hatte er das nur? „Ganz der Vater“, verkündigte ich stolz. Er hatte natürlich Recht. Wir hatten schon immer gegessen, unser Leben lang, tagein, tagaus. Jeden Tag, immer wieder aufs Neue. Wenn man überlegt, was das alles gekostet hat ... Was hätte man mit dem Geld Sinnvolles anstellen können. Porsche fahren, edle Getränke horten, Häuser kaufen oder Live-Aid unterstützen. Besser nicht! Da ist ja Bob Geldorf der Chef und der hält sich doch tatsächlich für einen Musiker. Ich hatte bei ihm immer schon immer den Verdacht, dass er diese Organisation mit dem Hintergedanken gründete, seine schrägen Platten besser verhökern zu können. Er spielte früher bei den „Boomtown Rats“. Der Name sagte ja schon alles. Außerdem gab es nur eine einzige vernünftige Kapelle auf der Welt. Deren Name fing mit „B“ an und hörte mit „eatles“ auf. Wenn ihr versteht, was ich meine!
Ich aß drei Joghurts, 6 Scheiben staubiges Knäckebrot, eine Packung Magerquark und 9 Frühlingszwiebeln. Meine liebe Frau leerte zwei Dosen Chili Con Carne, angereichert mit einem halben Liter Sauce Hollandaise. Der Sohn aß vier Tüten Kartoffelchips. Typisch! Dazu tranken wir den restlichen Weißwein. Nur der Hund aß nichts. „Wenn das so weiter geht, sollten wir ihn vielleicht intravenös ernähren lassen“, meinte meine Frau. Ich gab ihr Recht. Doch dann hatte ich eine gute Idee. Ich schnappte mir den Hund, klemmte ihn unter meinen linken Arm. Mit der rechten Hand drückte ich ihm das Asthmaspray ins Maul und drückte 2 x drauf. Er verdrehte kurz die Augen und biss mir in den Daumen. Schnell setzte ich ihn wieder auf den Boden und er fing augenblicklich an, seine „Frolics“ zu fressen. „Siehst Du? Was für ein kluges Tier. Er versteht alles.“ Der Hund nickte. Ich holte mir ein Pflaster für meinen blutenden Daumen.
„Wir sollten, genau wie immer, jeden Tag drei Mal essen, ob wir Hunger haben oder nicht“, sagte die Klügste aller Frauen. „Der Hund auch!“ Ich gab ihr schon wieder Recht. Schwierig war natürlich herauszubekommen, WIEVIEL und WAS wir essen sollten. Wir mussten einen vernünftigen Plan entwickeln. Vielleicht waren wir damit Vorreiter und konnten vielen Menschen helfen. Ich sah eine gewaltige Aufgabe vor uns liegen. Das ganze Institut musste eingespannt werden. Alleine war so etwas nicht zu schaffen. „Du hältst hier die Stellung, ich fahre zum Institut und sorge dafür, dass wir die nötige Unterstützung bekommen.“ Ein Kuss auf die Wange und weg war ich.
Unterwegs reifte ein Plan in mir. Ich machte noch einen kleinen Umweg und fuhr bei meinem Arzt vorbei. „Hallo“, wurde ich von der spindeldürren Sprechstundenhilfe empfangen. Dabei sah sie, mit leicht verdrehten Augen über ihre Fielmann-billig-Lesebrille. „Waren sie dieses Quartal schon mal bei uns?“ Ihr Mund verzog sich zu einem schrägen Grinsen. Sie entblößte zwei schiefe, leicht gelbliche Schneidezähne. So erinnerte sie mich an den Osterhasen. „Nein, warum auch?“ „Dann bekomme ich zehn Euro Quartalsgebühren von ihnen“, flötete sie. Diese Blutsauger! Ohne die zehn Euro lief gar nichts mehr. Du konntest schwer verletzt, mit dem Kopf unterm Arm, in die Praxis kriechen, die erste Frage lautete: „Waren sie dieses Quartal schon mal hier?“ Und so etwas nennt sich Gesundheitsreform! Diese Politiker! Die waren sicher nie krank, man sah sie ja andauern im Fernsehen. Da brauchten sie natürlich auch keine zehn Euro zu zahlen. Man sollte sie alle abwählen. Jetzt wollten sie sogar noch diese wunderbaren Atomkraftwerke abschaffen. Ich sah wieder kalte Winter auf uns zukommen.
„Ich brauche ein Rezept“ „Gerne, was brauchen sie denn?“ „200 mal Berotec-Asthmaspray!“ „Mache ich sofort fertig. Nehmen sie doch bitte einen Moment Platz. Frau Doktor muss nur noch unterschreiben …“ Ich ging ins Wartezimmer schnappte mir eine abgegriffene, steinalte „Auto-Bild“ und setzte mich auf einen fleckigen Stuhl. Ich war der einzige Patient …
„So, hier ist ihr Rezept“. „Vielen Dank, bis bald“. „Auf Wiedersehen“. „Na gut“.
Das war ja einfach! Mit dem Rezept fuhr ich die kurze Strecke in die Innenstadt. Ich war schon seit Jahren Stammkunde in der Hubertus-Apotheke. Diese war die Kleinste und Heruntergekommenste der Stadt. Das gefiel mir. Es passte irgendwie zu mir.
Ich fühlte mich verpflichtet, sie durch meine zahlreichen Rezepte zu subventionieren. Der Besitzer war ein alter Mann mit schütterem grauem Haarwuchs. Er hatte stets eine dicke Hornbrille auf der Nase, die seinen mürrischen Gesichtsausdruck noch unterstützte. Er vermittelte jedem Menschen den Eindruck, dass er seine eigene Apotheke hasste und seine Kunden noch viel mehr. Wenn er mich sah, huschte dennoch ein leichtes Lächeln über sein Gesicht. So fein, dass ich es erst nach etlichen Jahren treuer Kundschaft bemerkte. Ich war mir auch nicht wirklich sicher, ob dieses Lächeln mit meiner Person verbunden war oder in Erwartung der fetten Rezepte, die ich ihm vorlegte.
Trotzdem: Ich mochte diese neumodischen glitzernden Drive-in-Apotheken nicht. Sie waren Ausdruck der Dekadenz aller Weißbekittelten. Man wurde dort von den durchgestylten, nagelgelackten, sonnenbankgebräunten, hochnäsigen und besserwisserischen Disco-Aushilfsapothekerinnen abgefertigt, die sich einbildeten, die Intelligenz mit großen Löffeln gefressen zu haben. Diese dummen Schnepfen! Kein Respekt vor meinem dicken Rezept.
„200 Packungen Berotec-Asthmaspray…mmmh… leider habe ich nur noch drei.“ Das war glatt gelogen! Er hatte nie mehr, als zwei. Er versuchte nur wieder den Eindruck zu hinterlassen, als wäre sein Laden komplett bestückt und sein Sortiment nahezu unerschöpflich. In der Regel musste er das benötigte Zeug natürlich nachbestellen und dann ausliefern lassen. Er dachte wohl tatsächlich, ich hätte das noch nie bemerkt. Als höflicher und gebildeter Mensch ließ ich mir natürlich nichts anmerken. Wir einigten uns darauf, dass er die restlichen 197 und die angeblich 3 vorhandenen Packungen direkt ins Institut liefern sollte. Wir schieden als gute Freunde.
Ich machte mich wieder auf den Weg.
Wie ja allgemein bekannt, ist die Molekulartheologie eine recht junge Wissenschaft. Der Lehrstuhl wurde erst 2016 eingerichtet. Vielleicht vertue ich mich jetzt etwas mit den Jahreszahlen aber in einem vernünftigen Traum ist das ja schließlich auch egal.
Der Gedanke so eine Institution ins Leben zu rufen, war allerdings schon wesentlich älter. Mit Ausschlag gebend war ein Treffen, das bereits 1999 stattfand. An diesem nahmen der Physikprofessor des Amherst College Arthur Zajonc, sein Kollege Anton Zeilinger von der Universität Innsbruck und der Dalai Lama teil. Man traf sich damals zu einem dreitägigen Gedankenaustausch.
Das Treffen kam auf Wunsch der Physiker zu stande. Sie beschäftigten sich schon ihr Leben lang mit Quantenphysik. An irgendeinem Punkt bemerkten sie, dass die Lösungsansätze, die sie an Hand kostspieliger Versuche ermittelten, schon seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden, Allgemeinwissen buddhistischer Mönche waren. Was lag also näher, als ein Treffen zu arrangieren und die Ergebnisse und Errungenschaften zusammenzulegen. Das war dann die Geburtsstunde der Molekulartheologie. Als hätte die gesamte Menschheit darauf gewartet. Welcher wichtige Forschungszweig daraus dann entstehen würde, konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht erahnt werden.
Im Institut angekommen suchte ich nach meinen beiden Assistenten Karl und Heinz. Die beiden waren Zwillinge. Sie glichen sich natürlich, wie ein Ei dem anderen. Ich konnte sie nie auseinander halten. Das konnte eigentlich niemand. Irgendwann hatte ich es auch aufgegeben und sie als Doppelwesen akzeptiert. Wenn ich sie brauchte, rief ich nur kurz Karl-Heinz und sie kamen angetrabt. Der Richtige war dann natürlich automatisch mit dabei.
Ich suchte den ganzen Gebäudekomplex ab und schrie mir dabei die Seele aus dem Leib. Diese Deppen, wo trieben sie sich nur wieder rum. Es war immer dasselbe: Brauchte man sie, waren sie unauffindbar, nahezu atomisiert. Nach langem Suchen wurde ich endlich in der Cafeteria fündig. Die Beiden lagen mit den Köpfen auf der Resopalplatte eines Bistrotisches und schnarchten. In der Mitte des Tisches lagen zwei leere Tetra-Packs aus dem Penny-Markt.
Ich konnte es nicht fassen! Während ich versuchte die Menschheit zu retten, lagen die Kerle hier besoffen auf dem Tisch. So ein Verhalten hatten meine treuen Assistenten noch nie an den Tag gelegt. „Karl-Heinz“, brüllte ich sie an. Das Schnarchen erstarb, Karl oder Heinz hob vorsichtig den Kopf: „Hallo Chef!“ „Ihr seit ja sternhagelvoll.“ „Jawohl, Chef.“ „Ich erwarte euch in zehn Minuten in meinem Büro.“ „Gute Nacht, Chef.“
Der Staub schien allgemein den Alkoholismus zu fördern. Da half natürlich nur das äußerste Mittel. Nacheinander riss ich ihre Köpfe hoch schob ihnen das Berotec-Asthmaspray zwischen die Zähne und drückte fünf Mal drauf. Das half augenblicklich! Beide verdrehten kurz die Augen, japsten nach Luft und glotzten mich entgeistert an. „Ab in mein Büro, zack, zack, wir haben wichtige Dinge zu besprechen.“
Es wurde nur kurz diskutiert, dann stand der Schlachtplan. Karl und Heinz schnappten sich ein Eimerchen und machten sich auf die Suche nach einer vernünftigen Staubprobe. Das war gar nicht so einfach, denn der meiste Staub war bereits verschwunden. Wo er geblieben war, wussten wir nicht. Vielleicht war er geschmolzen, im Boden versunken oder er löste sich einfach in Luft auf. Wir wussten es nicht.
In unserem Labor starteten wir dann mehrere Versuchsreihen. Selbst unter unserem topmodernem Elektronenrastermikroskop war nicht genau zu erkennen, um was es sich hier genau handelte. Das Bild, dass wir erblickten, erinnerte entfernt an Blütenstaub oder so etwas, wie winzige, gleichförmige Samen oder weiß der Kuckuck was. So etwas hatten wir vorher noch nie gesehen.
Wir suchten nach einem geeigneten Nährboden für dieses Zeug und setzten damit Kulturen in Petrischalen an. Nach geraumer Zeit und vielen Versuchsreihen machten wir eine sensationelle Entdeckung…
… Mist! Das hatte mir noch gefehlt! Ich wurde wach. Ein Blick auf den Wecker verriet mir, dass es bereits halb fünf war. Ich stand eigentlich immer erst um halb sieben auf. Dann betrat nämlich unser Sohn, Türen knallend das Badezimmer, da er sich für die Schule fertig machen musste. Das war immer das Ende der Nachtruhe. Bei dem Lärm konnte sowieso kein Mensch pennen. Außerdem krähte in unserer Nachbarschaft immer ein blöder Hahn. Ich hatte schon mehrfach geschworen, ihn in eine schmackhafte Suppe einzuarbeiten.
Hoffentlich konnte ich nachher noch mal einschlafen. „… sensationelle Entdeckung …“, die einzige Entdeckung, die ich machte war, dass meine Prostata mich mal wieder zum Klo trieb. Schwer atmend richtete ich mich auf und stützte meinen massigen Oberkörper mit den Händen auf der Bettkante ab. Das erste Tageslicht fiel bereits fahl und leicht gelblich ins Zimmer. Mir war kalt, ich fröstelte. Der Hahn hatte eine Stimme, als hätte er die letzte Nacht durchgesoffen. Nächsten Samstag würde es Suppe geben, das stand schon mal fest. Ich tastete mit den Füßen nach meinen Hausschuhen. Natürlich fand ich sie nicht. Egal, die Prostata sprach ein Machtwort und ich trabte zum Klo.
Es wurde von Jahr zu Jahr schlimmer. Irgendwann war mit Sicherheit eine Operation fällig. Aber noch war es zum Glück nicht so weit. Mir rauschte der Kopf. Als ich endlich fertig war, kramte ich im Medizinschrank noch schnell zwei ASS-Ratiopharm-500 heraus. Die Dinger waren gut und billig. Ich kann sie jedem Leser dringend empfehlen. Wie immer schluckte ich sie ohne Wasser. Reine Routine. Das würde mich bestimmt wieder für den Tag fit machen. Dann die Überlegung: Macht es überhaupt noch Sinn, zurück ins Bett zu gehen? Konnte ich überhaupt noch schlafen? Naaaa guuut! Ich war hart gegen mich selbst und schlich ins warme Bett. Der blöde Hund lag natürlich wieder auf meinem Kopfkissen. Um keinen Aufruhr zu veranstalten, schob ich ihn ganz sanft zur Seite und legte mich hin. Wir lagen jetzt Kopf an Kopf. Das war natürlich ein Fehler, denn der Hund roch etwas unangenehm. Zu allem Übel hatte er auch noch Schweißfüße. Dass ein kleiner Hund nur so stinken kann! Ich dachte mir, diese Nacht sei gelaufen. Um so größer die Überraschung, dass ich nach einer halben Stunde tatsächlich wieder einschlief.
… überrascht? Überrascht! Sensationelle Entdeckung … Ich war wieder im Thema. „Karl-Heinz, wonach riecht das hier eigentlich so?“ „Das sind die Schweißfüße von dem Hund“, kam es wie aus einem Mund zurück. Na klar!
In unseren Petrischalen geschah Sonderbares: Unter den idealen Laborbedingungen veränderte der Inhalt innerhalb kurzer Zeit die Farbe. Zuerst wurde er tiefrot, um dann nach wenigen Minuten in einen Grünton umzuschlagen. Photosynthese fand statt!

Und dann geschah es: Die grüne Masse zeigte langsam aber sicher Strukturen. Es gab absolut keinen Zweifel mehr. Wir wurden Augenzeugen bei der Entstehung einer neuen Spezies, einer vollkommen neuen Art. Ich hoffte, dass es nur eine Pflanze wurde und nicht irgendwann große Zähne bekam und über uns herfiel. Überraschend war vor allen Dingen die Geschwindigkeit, in der das geschah.
Zu diesem Zeitpunkt hatten wir allerdings noch keinerlei Ahnung, welche große Tragweite diese Entdeckung hatte.
Der Staub war mittlerweile ganz verschwunden, stattdessen wuchs überall diese neue Pflanzart. Sie war nur unwesentlich langsamer, als unsere Versuchsreihe im Labor. Genau genommen hätten wir uns diese ganze Arbeit schenken können. Das Seltsame war, diese Pflanzen tauchten nur auf bereits bebauten Äckern auf; zuerst vereinzelt dann immer mehr. Es sah so aus, als entzögen sie allen dort angesiedelten Kulturpflanzen die Nahrung, um sich selber entwickeln zu können und breit zu machen. Sie wuchsen nicht, wo Brenneseln, Gräser oder irgendwelche Un- oder Wildkräuter lebten. Sie wuchsen nur dort, wo es Kulturpflanzen gab, die der Mensch angebaut hatte. Seltsam, seltsam!
Diese neue Pflanzenart verfügte über vier bis sechs runde Keimblätter. Nach wenigen Tagen bildeten sich an diesen Blättern Spitzen aus. Das Merkwürdige war, sie ersetzten alle Nutzpflanzen haargenau 1 : 1. Egal, ob Getreide, Kartoffeln oder Rüben, alle Nutzpflanzen wurden förmlich aufgesogen. An genau derselben Stelle wuchs diese neue Pflanze. Es sah aus, als hätte sie jemand mit Absicht so gepflanzt, Feld für Feld, Acker für Acker, Land für Land.
Langsam kamen auch neue Nachrichten herein. Es sah wirklich so aus, als wäre inzwischen der gesamte Erdball betroffen. Die Nachrichten kamen aus Frankreich, Ägypten, Brasilien, Indien, China, von überall her, sogar aus München. Wo doch eigentlich bekannt war, dass die immer alles zuletzt mitkriegten.
Alle anderen Pflanzen, ob Bäume, Gräser oder Blumen wurden seltsamerweise verschont. Zum Glück auch die meisten Obstbäume. Allerdings Spalierobst, Obststräucher und Erdbeeren verschwanden und wurden äußerst schnell von dieser neuen Pflanze ersetzt. Warum konnte keiner sagen. Es gab nur einige, wenige Vermutungen.
Eines war aber allen klar! Die Menschheit war in allerhöchster Gefahr!
… halb sieben! Der Sohn randalierte im Bad. Es war jeden morgen dasselbe. In wenigen Sekunden war ich hellwach. Ausgerechnet jetzt, wo die Welt gerettet werden musste, machte der Sohn Krach. Meine liebe Frau stand auf und kochte Kaffee. Vor unserem Bett steht zum Glück ein Fernseher. Schnell die Nachrichten gucken! Alles normal, Gott sei Dank.
Die untergehende Menschheit musste warten. Ich musste ja schließlich den Tag mit so belanglosen Dingen, wie Arbeit und Geldverdienen verbringen. Hoffentlich ging das alles gut. Der Umsatz in unserem kleinen Internetladen ließ zurzeit etwas zu wünschen übrig. Deswegen hatte ich momentan nicht so viel zu tun. Ich schaute die E-Mails durch, beantwortete dumme Fragen, führte ein paar belanglose Telefonate und verpackte ein bisschen Ware, um die Zeit totzuschlagen und Aktivität zu heucheln. Sonst hätte ich noch Staub saugen oder spülen müssen. Das musste natürlich vermieden werden. Danach fand ich, dass es an der Zeit war, etwas für meine Bildung zu tun. Denn ohne Bildung kommt man ja im Leben nicht weiter. „Lebenslanges Lernen“ forderten unsere lieben Politiker, während sie selbst angetrunken in der Bundestagslobby herumhängen. Die meisten von denen haben natürlich selbst einen IQ, wie ein Knäckebrot, sonst hätten sie bestimmt etwas Besseres mit ihrem Leben angefangen.
Also suchte ich mir meine Fachliteratur heraus. Ich fand sie nicht auf Anhieb. „Liebling, wo ist unsere blöde Fernsehzeitung?“ „Natürlich auf dem Fernseher, wo sie hingehört. Mach doch mal deine Augen auf“, kam es aus der Küche zurück. Sie hatte Recht. Ich holte mir die „TV 14“, das moderne TV-Magazin. Darin ist das Programm für 14 Tage abgedruckt und reich bebildert. Und das Ganze nur für einen schlappen Euro. Sagenhaft! Zielsicher schlug ich die Seite 24 auf. Dort gab es die wichtige Rubrik „Schlauer in 60 Sekunden“. Einfacher geht es nun doch wirklich nicht! In dieser Ausgabe wurde ein Thema behandelt, dass mir schon Zeit meines Lebens unter den Nägeln brannte:
Warum nicken Vögel beim Gehen? Na? Weiß wieder keiner? Siehste!
Also, jetzt die Antwort: Damit sie scharf sehen können! Da wärst Du nie drauf gekommen, gebe es zu! Ja, Ja, die TV14 …
Also: Die Nickbewegung, die viele Vögel (z. B. Hühner, meine großen Vorbilder) beim Gehen machen, sorgt für ein stabiles Bild der Umgebung auf der Netzhaut (Optokinese). Durch ihre seitlich am Kopf liegenden Augen haben Vögel zwar eine 340-Grad-Rundumsicht. Die Augen können jedoch schnelle Bewegungen nicht ausgleichen, sie sehen unscharf. Der Vogel-Trick: Während der Körper einen Schritt nach vorne macht, bleibt der Kopf zunächst in Ruhe und das Bild des Vogels klar. Erst wenn der Vogel den Schritt gemacht hat, zieht er seinen Kopf blitzschnell nach, steht still und stellt das Bild auf der Netzhaut wieder scharf …
Seht ihr, jetzt wurde eure Bildung in zwölf Sekunden auf Vordermann gebracht. Also nicht vergessen: Nächsten Montag TV14 kaufen!
Ich fand sowieso schon immer, dass Hühner stark unterschätzt wurden.

Um bei Bildungsthemen zu bleiben: „Liebling, haben wir eigentlich noch genug Weißwein vom Penny-Markt?“ „Ja, noch reichlich. Ich trinke sowieso lieber den Rotwein von Lidl. Von dem Weißwein kriege ich immer Kopfschmerzen.“ Die konnte sich aber auch was anstellen… „Geh´ lieber mit dem Hund, dann hast du was Vernünftiges zu tun. Ich hab noch Wäsche, muss noch Staub saugen, die Betten beziehen, den Flur wischen, mit dem Sohn Schularbeiten machen, kochen, den Rasen mähen, das Unkraut zupfen und die Fenster putzen.“ Die konnte sich wirklich was anstellen … Manchmal hatte ich den Verdacht, sie tat das alles nur, um nicht mit dem Hund gehen zu müssen. Also opferte ich mich mal wieder und zog mit dem Hund über die Felder.
Als ich zurückkam saß sie auf dem Balkon, hatte ein Klemmbrett auf dem Schoß, einen Bleistift in der Hand und ein Glas Rotwein neben sich stehen. Sie fluchte und zählte langsam bis neun. Ihr Sudoku auf dem Klemmbrett war wohl schwieriger oder der Rotwein stärker als sie dachte. Ich musste ihr immer Sudokus aus dem Internet ausdrucken. Am Tag verbrauchte sie 6 bis 7 davon. Ich selbst brachte es höchstens auf zwei. Ja, ja, der Stress, der schaffte mich einfach. Diese Internetseite kann ich übrigens sehr empfehlen: www.websudoku.com.
„Hallo Schatz, ich gehe heute Abend früh ins Bett“, störte ich ihren Gedankenfluss. „Warum das denn? Bist du krank?“ „Nein, ich habe noch viel zu erledigen.“ „?????“ Sie wandte sich wieder ihrem Sudoku zu. „Nacht zusammen.“ „Nacht!“ „Geht Papa schon ins Bett?“ rief der Sohn, durch seine offene Zimmertür. „Ja, er muss noch viel erledigen“, antwortete die liebste aller Frauen vom Balkon. „?????“ Ich ging ins Bett. Vom Balkon hörte ich sie leise bis neun zählen. Das half!
…. „Herr Professor, wo bleiben sie denn so lange? Hier geht alles drunter und drüber“, war das erste, was ich hörte. Karl-Heinz, das Doppelwesen, wartete auf mich. Als ich ankam, standen die beiden in meinem Büro vor einem Kofferradio, welches sie mitten auf meinem Schreibtisch platziert hatten. Die Nachrichten überschlugen sich. Überall auf der Welt das gleiche Bild. Endlich wurde Notiz von den Ereignissen genommen.
Ein Botaniker kam gerade zu Wort. Ich dachte ich höre nicht richtig. Er sprach ausschließlich und ausgiebig über die Schönheit der neuen Pflanze und erwähnte mit keinem Wort, was sie angerichtet hatte. „Manche haben schon Blüten und stellen sie sich vor: Diese sind gelb, wie die reifsten Zitronen, die sie jemals gesehen haben und dreißig Zentimeter lang sind sie und wie die duften … mmmh … nach … nahezu unbeschreiblich. Wenn sie nur einmal dran gerochen haben, dann …“

Ein Professor für Biologie wurde befragt. Er hatte festgestellt, dass diese Pflanze schwer aus dem Boden zu entfernen war. Stängel und Blätter waren nahezu mineralisiert. Die Nährstoffe des Bodens wurden durch das verzweigte Wurzelwerk komplett aufgesogen und in der Pflanze angereichert. Sie wuchsen rasant. Einige waren schon einen halben Meter groß und trugen tatsächlich die ersten Blüten. Viel größer schienen sie im Moment auch nicht zu werden. Aber wer weiß, was noch alles passierte.
Die Pflanzen ähnelten in dieser Wachstumsperiode dem allseits bekannten Stechapfel. Wohl deshalb gab der Professor ihnen den Namen „Datura mineralis“ – der mineralisierte Stechapfel. An seiner Stimme hörte man, wie Stolz er auf diese Wortschöpfung war. Danach sprach er auch noch wortreich über die Faszination dieser neuen Spezies …
Das weltweite Verschwinden, der gesamten Ernte eines Jahres und die da heraus resultierenden Folgen, interessierten auch ihn nicht.
Trotz dieser ganzen Reden hatte das Allerwichtigste wohl noch niemand so richtig zur Kenntnis genommen: Es hatte noch immer keiner Hunger!
Viele Menschen aßen ja bekanntlich aus Gewohnheit. Die es so gewohnt waren, regelmäßig drei Mal am Tag, zu bestimmten Uhrzeiten, sich voll zu stopfen, taten das bestimmt auch weiterhin. Nur merkten sie selber nicht, dass sich ihr Rhythmus verlangsamte. Denn es fehlte der wichtigste Antrieb: Hunger. Ein Hungergefühl schien es nicht mehr zu geben.
Meine Güte dachte ich, in Träumen kann man wirklich was lernen.
Wie wir dann im Radio hörten, hat irgendjemand meine heimliche Vermutung bestätigt, dass Tiere, wohl zum Glück, nicht betroffen waren. Ich sah das ja an unserem verfressenen Hund.
Es betraf wohl ausschließlich und allein den Homo Sapiens! Als Spitzenwissenschaftler fiel mir natürlich sofort auf: Das hatte einen Grund!
Besonders schlecht würde es bestimmt um die Fast-Food-Junkies bestellt sein. Eigentlich alle, die es gewohnt waren, sich zwischendurch und unregelmäßig zu ernähren. Mal hier ein Hamburger, mal da ein Fischbrötchen, mal dort ein schlappes Würstchen oder ein fettes Schwein …
Die würden alle sterben!
Das war natürlich das Ende von MC. Donalds! Nicht auszudenken, wenn das jemand merkt. Diese ganzen Menschen würden zu mindest einigermaßen glücklich verhungern, denn ihr Hungergefühl war ja erloschen. Augenblicklich war mir klar, dass wir uns um die besonders kümmern mussten.
Es klopfte. „Herein“, riefen wir, wie aus einem Munde. In der Tür stand mein Lieblingsapotheker. Seine Brille saß schief auf der Nase und er schwitzte aus allen Poren. Das Berotec-Asthmaspray! Ich hatte es beinahe vergessen. Der Apotheker wuchtete das große Paket mitten in den Raum. „Ne, ne, das ist nix mehr für mich. Wenn mein Auslieferungsfahrer nicht bald wieder auftaucht, mache ich die Apotheke dicht.“ Mein Mitleid hielt sich in Grenzen. Mit dieser Lieferung hatte er bestimmt so viel Kohle gescheffelt, dass er den restlichen Monat blau machen konnte. Grußlos drehte er sich um und trabte wieder hinaus.
Ich riss das Paket auf und gab jedem ein Spray in die Hand. Zur Vorsicht musste jeder direkt fünf Züge nehmen. Sofort wussten wir dann, was zu tun war. Die Asthmaklinik! Wir brauchten dringend Hilfe. Dort würden wir bestimmt die nötige Unterstützung bekommen.
Karl oder Heinz rief aufgeregt: „Eile ist geboten! Wir müssen blitzschnell und sofort eine Werbecampagne starten, unter dem Motto: Man isst wieder! Interviews, Fernsehsendungen, Plakate, Lifestylemagazine, nackte Frauen, Rockbands usw. usw.“ „Ja, keine schlechte Idee, könnte von mir sein. Es muss einfach chic werden, wieder dreimal am Tag zu essen“, fügte sein Bruder hastig hinzu. Ich wusste schon, warum ich damals diese Beiden zu meinen Assistenten gemacht hatte. Tatkraft, Einsatz, Durchsetzungsvermögen und Trunkenheit im Dienst zeichnete diese hochmotivierten angehenden Molekulartheologen aus.
Es war uns natürlich sofort klar, alleine würden wir das nie schaffen. Die Aufgabe war zu gewaltig. Wir hatten ja nichts Geringeres vor, als die Errettung der Menschheit auf den Weg zu bringen. Dazu brauchten wir natürlich viele kreative Helfer. Menschen mit halbwegs klarem Verstand, Leistungsbereitschaft, Tatkraft und edelsten Charaktereigenschaften. Da gab es nur Eines! Ich rief augenblicklich in der Asthmaklinik an. Nur dort konnten wir kompetente Mitstreiter erwarten.
Nach ca. anderthalb Stunden hatte ich auch schon den Hausmeister am Telefon. Ich verlangte dringend den Direktor oder wenigstens den Chefarzt zu sprechen. „ … ist im Moment etwas ungünstig. Sie sind beide gerade beim Kung-Fu-Training, mit den Schwersternschülerinnen.“
Ich hätte es mir denken können. Diese braven Männer! Immer im Einsatz. Solche Leute brauchten wir für unsere schwierige Aufgabe. „Richten Sie Ihnen aus, das Institut für Molekulartheologie benötigt dringend Amtshilfe. Es geht um Leben und Tod, sowie die Errettung der Menschheit und der ganzen Welt, wenn nicht, des Universums und darüber hinaus.“ „Ach so, ich dachte schon, es wäre dringend.“

Teil 2 – Die Asthmatiker
Auf Grund der Dringlichkeit nahmen wir den Instituts-Rolls-Royce. Das ging schneller. Die Hälfte unseres Berotec-Asthmaspray-Vorrates luden wir in den Kofferraum. Karl oder Heinz musste fahren, Karl oder Heinz und ich saßen im Fond und plünderten die Minibar.
Ich ließ den Fahrer einen Umweg über die Bahnhofstraße machen. Ich wusste noch, dass es dort ein kleines aber gut bestücktes Waffengeschäft gab. Wir kauften drei Munitionsgurte. Diese Gurte waren aus kräftigem, braunem Leder gefertigt. Jäger brachten in diesen Dingern ihre Schrotpatronen unter. Wir steckten in jede leere Schlaufe eine Dose Asthmaspray. Dann warf sich jeder einen Gurt über die Schulter. Jetzt waren wir perfekt gerüstet.
In der Asthmaklinik wurden wir bereits erwartet. Der Hausmeister führte uns durch endlos lange, weiß gekalkte Flure, vorbei an vielen Räumen, aus denen röchelnde oder fiepende Geräusche drangen, in das Vorzimmer des Chefarztes. Seine Sekretärin stand vom Sofa auf, knöpfte sich die Bluse wieder zu und führte uns wortlos in das mondäne Büro des Chefarztes.
„Meine Güte“, entfuhr es Karl oder Heinz. Der Chefarzt stand mit offener Hose vor uns. Aber das war es nicht. Dieser unglaubliche Luxus! Man schien in dieser Klinik nicht schlecht zu verdienen. Das Büro war im Stil Ludwig des Vierzehnten eingerichtet. Ich schnalzte mit der Zunge und machte eine anerkennende Bemerkung. „Das waren einmal die Möbel Ludwig des Vierzehnten“, meinte der Chefarzt knapp. „Ich mag diesen alten Plunder zwar nicht besonders aber er war günstig. … nur knappe 90 Millionen, quasi ein Schnäppchen. Dafür habe ich dann eben auf ein paar Diagnosegeräte verzichten müssen. Machen sowieso nur viel zu viel Arbeit und Dreck, diese Dinger.“ Ich gab ihm Recht und beschloss, direkt morgen eine Gehaltserhöhung zu erzwingen. Wir setzten uns an den acht Meter langen Konferenztisch aus Elfenbein. Der Hausmeister reichte Schnittchen, mit Piekserchen, auf deren Papierfähnchen das Wappen der Klinik in Goldfolie eingeprägt war. Dazu gab es kühle Getränke in Champagnergläsern mit Platinrand. Leise Musik lief und die Schwesternschülerinnen tanzten leicht bekleidet dazu. In dem im Boden eingelassenem Teich, balgten sich die Koi-Karpfen um einen kleinen Brocken Beluga-Kaviar. Inzwischen hatte sich der Direktor dazugesellt. Er saß auf seinem Barockstuhl und wippte mit dem Fuß im Takt der Musik. Der Chefarzt bat das Streichorchester mit dem Spiel aufzuhören und schickte die Schwesternschülerinnen in die Umkleidekabinen. „So, jetzt können wir reden.“ „Schönes, geschmackvolles Büro“, bemerkte ich kurz. „Ja, war früher mal die Aula“, antwortete der Chefarzt. „Und wo ist jetzt die Aula?“ „In meinem alten Büro.“ „Ach so, wie praktisch.“ „Fand ich auch, langsam wird es mir allerdings hier zu eng. Aber deswegen sind sie ja sicher nicht gekommen. Mein Name ist Professor Dr. Franz Wichtig. Aber lassen wir die Förmlichkeiten beiseite. Sagen sie einfach, Herr Professor zu mir. Was kann ich für sie tun? Privat oder Kasse?“
„Nehmen sie Asthma-Spray?“ „Nein, ich bin der Arzt und kein Patient.“ Karl und Heinz guckten sich kurz an. Dann sprangen sie blitzartig vor und hielten ihn so fest, dass er sich nicht mehr rühren konnte. Respekt! Das sah aus, wie in einem Western mit John Wayne. Professor Wichtig zappelte zwar noch etwas aber das legte sich, als ich eine Spraydose aus dem Halfter zog, sie ihm zwischen die Zähne rammte und acht Mal draufdrückte. Seine Pupillen traten aus den Augenhöhlen. Dann hustete er. Er hustete und hustete und hustete. Karl und Heinz ließen ihn augenblicklich los. Sein Blick wurde klarer. „Ach ihr seid das! Lange nicht gesehen. Was kann ich für euch tun?“ fragte er zum zweiten Mal. „Die Lage ist ernst“, entgegnete ich. „Wir müssen ganz dringend die Menschheit retten.“ „Warum?“ „Der Staub!“ „Ach ja, der Staub …“, antwortete er und sein Gesicht verklärte sich leicht. „Dieser wunderbare Staub … Habt ihr noch etwas davon? Ich zahle Höchstpreise.“ Blitzschnell drückte ich ihm die Spray noch einmal zwischen die Zähne und betätigte den Auslöser. Seine Gesichtszüge fielen in sich zusammen. „Wir müssen etwas unternehmen. Und zwar sofort! Die Ernten sind hinüber, niemand hat Hunger und die Leute sind alle durchgeknallt.“ „Apropos Hunger, habt ihr schon gegessen?“ Das Spray schien Wirkung zu zeigen. Im Gegensatz zum Chefarzt, war der Direktor selbst Asthmatiker und nahm das Spray freiwillig. Ich pfiff Karl und Heinz zurück, die sich schon sprungbereit machten.
Wir entwickelten einen Schlachtplan. Als ersten Schritt musste der Hausmeister alle Asthmasprays der Klinik zusammensuchen. Dann erhielt er den Auftrag, die gesamte Dosis in die Klimaanlage einzuleiten. Fragt mich nicht, wie er das geschafft hat. Ich bin Molekulartheologe und kein Klimatechniker. Aber es muss ganz schön anstrengend gewesen sein, denn hinterher hatte er dicke geschwollene Daumen, vom ewigen Drücken der Spraydosen.
Als nächsten Schritt wurden die komplette Belegschaft und alle Patienten in die Aula zitiert. Ich hatte vor, dort eine flammende Rede zu halten. Das war nicht so einfach. Da die Aula recht klein war, standen alle dicht an dicht gedrängelt. Das Pfeifen der Asthmatikerlungen erfüllte den Raum. Manche hatten es kaum noch bis hierher geschafft. Wie sich hinterher herausstellte, gab es nur zwei Tote. Das ging eigentlich.
Ich stellte mich in den Türeingang und ließ mir ein Megafon reichen, um die rasselnden Lungen übertönen zu können. In einem kurzen dramatischen Abriss, erklärte ich den Ernst der Lage. „Liebe Asthmatiker, liebes Klinikpersonal, liebe Schwesternschülerinnen. Gestern standen wir noch am Abgrund. Heute sind wir einen Schritt weiter. Die Menschheit ist in Gefahr. Sie verhungert und merkt es nicht. Ihr seid die Einzigen, die noch halbwegs bei Verstand sind. Ich bitte um ihre Vorschläge, zack, zack.“ ….
… jemand rüttelte vorsichtig an meiner Schulter. Langsam wurde ich wach und blinzelte mit einem Auge. Frau und Hund kamen ins Bett. „Liebling schläfst Du schon?“ säuselte sie zärtlich. „Du weißt doch, heute ist Donnerstag …“ „Lass mich schlafen, ich habe zu tun …“ Ich drehte mich um und schlief weiter. Ihr Grummeln nahm ich nur noch am Rande war. Keine Zeit! ….
…. „Also, wo waren wir stehen geblieben? Ah ja …“ alle schauten mich erwartungsvoll an. Aus der Menge kam eine röchelnde Stimme: „Und wenn man nicht mehr weiter weiß, dann bildet man ´nen Arbeitskreis.“ Ich gab ihm sofort Recht…
Der Arbeitskreis „Medien“ wurde gegründet. Dieser musste Interviews in Lifestylemagazinen geben, unter dem Motto: Man isst wieder. Essen ist wahnsinnig chic. Wer nicht isst, gehört nicht in diese Zeit. (Jedenfalls nicht lange) Ein neuer Modetrend musste geschaffen werden. Außerdem waren sie für die Erstellung von Werbespots zuständig. Über massive Werbung, in Film, Funk, Fernsehen und Printmedien sollte ein neuer Gruß etabliert werden. Frage: „Hast du schon gegessen?“ Antwort: „Ja, ich bin satt.“
Ein anderer Arbeitskreis musste sich darum kümmern, dass die Produktion von Berotec-Asthmaspray akut gesteigert wurde. Wir brauchten natürlich Unmengen von dem Zeug.
Ein Arbeitskreis musste sich damit beschäftigen, wie man die Leute zu Hamsterkäufen animiert, damit diese ganzen Aktionen auch bezahlt werden konnten.
Die große gemeinsame Aufgabe schweißte uns schnell zusammen.
Um die Effektivität zu erhöhen, beschlossen wir, einen Geheimbund zu gründen. So konnten wir besser im Untergrund, mit groß angelegten Intrigen, die Weltgeschicke voranbringen. Dieser Geheimbund sollte der geheimste aller Geheimbünde werden. Wir nannten uns „die Asthmatiker“. Unter diesem Namen erreichten wir später bekanntlich Weltruhm.
Im Geheimen und durch gezielte Unterwanderung würde dieser Zusammenschluss tapferer Männer, Frauen und Hunde, die Geschichte der Welt beeinflussen und wieder ins Lot bringen. Unser Wahlspruch lautete: „Asthmatiker aller Länder vereinigt euch“. Wir gelobten unsere Ziele, ausnahmsweise, ohne Waffengewalt und mit halbwegs friedlichen Mitteln zu erreichen.
Einige Asthmatiker hatten sich augenblicklich und spontan dem Zölibat verschrieben. Ihnen war sofort klar, dass sie sich und ihr komplettes Leben voll und ganz dem Dienste der guten Sache widmen würden. Andere plädierten für Gruppensex.
Als Zeichen unserer Zusammengehörigkeit und auch als Erkennungszeichen, ließ sich jeder das berühmte Wappen, mit der stilisierten Berotec-Asthma-Spraydose in den Unterarm tätowieren.
By the way: Da Merchandising in der heutigen Zeit, zur Finanzierung diverser Vorhaben, ja absolut wichtig geworden ist, kann der geneigte Leser diverse Aufkleber, in verschiedenen Größen, zu einem Spottpreis bei den Asthmatikern erwerben. Diese werden exclusiv, auf unserem Tintenstrahldrucker, in guter Qualität hergestellt. O.k., Qualität ist irgendwo natürlich irgendwie Geschmacksache.
Nach Abzug aller Kosten (ca. 99,8%) wird der restliche Betrag voll und ganz der guten Sache gestiftet. Wir wollen natürlich an diesen Artikeln nichts verdienen.
Weiter geht´s: Zum Schluss sprachen wir den gemeinsamen Schwur: „Drum lass uns sein ein einig Volk von Asthmatikern und lasst uns weder fürchten Tod noch Abstinenz. Darauf rufen wir ein Dreifaches Keuch, keuch, keuch.“
Bei diesem Bild handelt es sich leider um eine Kopie. Das Originalwappen ging ja bekanntlich in den zwölfjährigen Asthmatikerkriegen verloren. (Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Landesmuseums Asthmatikus in der neuen Hauptstadt Asstmath, Jemen)
Bereits zu diesem Zeitpunkt, gab es Überlegungen, aus dem Asthmatikerbund eine radikale Partei zu machen, um besser Widerspruch im Keim ersticken und Minderheiten unterdrücken zu können. Ebenso, wie es natürlich bei jeder anderen demokratischen Partei auch ist.
Wie wir heute wissen, gab es Asthmatiker bereits vor mehr, als 10.000 Jahren, wie letztes Jahr durch Ausgrabungen in Mesopotamien, von Professor Dr. Dr. Eisenbein bestätigt wurde. Er fand diese sensationelle Steinplatte, (siehe Bild) durch die er bekanntlich Weltruhm erlangte und sogar von Christiane Sabinsen, Günther Jauch und Ernie und Bert in diverse Talkshows eingeladen wurde. Kurz darauf verschwand er, was jeder verstehen konnte.
Das Wesentliche war jetzt geklärt. Ich ließ mich von Karl oder Heinz nach Hause fahren. Während der Fahrt machte ich mir ein Paar Notizen und ließ die Ereignisse noch einmal Revue passieren. Drei wichtige Punkte, die in unmittelbarem Zusammenhang standen, kristallisierten sich jetzt heraus:
- Der „Zimt“-Nebel und die dadurch bedingte Euphorie der Menschen.
- Das Versagen jeglichen Hungergefühls.
- Das Erscheinen der Datura mineralis und die dadurch bedingte vollkommene Vernichtung der Welternte.
Ich glaubte, hinter diesen gravierenden Ereignissen ein Muster zu erkennen. Die Frage drängelte sich auf: Was steckte dahinter? Dann fiel es mir, wie Schuppen aus den Haaren: WER STECKTE DAHINTER? Vielleicht waren es sogar Außerirdische? Nein, Blödsinn! Den Gedanken verwarf ich schnell.
Die Frage, was hinter allem steckte, hatte sich bis jetzt noch niemand gestellt. Auch merkwürdig. Dabei lag sie doch offensichtlich auf der Hand. Sollte es genauso sein, wie mit dem fehlenden Hungergefühl? Sollte es so sein, dass niemand in der Lage war, die nötigen Fragen zu stellen? Woher kam dieser Super-Valium-Effekt? Wurden die Gehirne der Menschen nachhaltig geschädigt? War das überhaupt noch möglich? Wem konnte daran gelegen sein, die komplette Menschheit zu vernichten? Waren der oder die Täter, falls es solche gab, dann nicht selbst betroffen? Fragen über Fragen, die der außerordentlichen Tatkraft eines Molekulartheologen bedurften.
Wir kamen an einer Tankstelle vorbei. Ich stutzte. Der Preis für einen Liter Super-bleifrei lag bei 5,20 €.
Ich ließ mich zu Hause absetzen. Dort nahm ich den Berotec-Munitionsgürtel von der Schulter und warf ihn über den Garderobenständer. „Hallo Chef! Bisschen Musik zur Entspannung?“ Der MP9-Player lungerte hinter der Tür. Früher wartete dort immer der Hund auf mich. Wie die Zeiten sich ändern. „… und was ist? Beatles? Stones? Heino?“ „Hau ab!“ „O.k., o.k, darf ich untertänigst doch noch eine klitzekleine Frage stellen?“ „Na?“ „Meine Arme …“ „Hau ab sonst sind deine Beine auch fällig.“ So schnell er konnte, raste er in die Küche. Ich hörte noch ein Murmeln, dass klang wie: „Das sag´ ich der Chefin, du Mörder.“
Im Wohnzimmer war nur der Hund. „´n Abend“, sagte er kurz. Er lag auf dem Sofa, vor der Glotze und guckte wieder „Lassie“. Nicht einmal den Kopf wendete er mir zu. Mich überraschte inzwischen gar nichts mehr. Mein liebe Frau und der kluge Sohn saßen auf der Terrasse und … aßen. „Liebling, du musst auch was essen.“ Natürlich, sie hatte Recht. Ich hatte es selber schon vergessen, wie konnte mir das passieren. „… und heute ist übrigens Donnerstag, Du weißt schon …“, flötete sie.
„Hast du den Sprit-Preis gesehen? 5,20 € der Liter.“ „Lenk nicht ab! Übrigens habe ich heute Morgen noch für 2,98 € voll getankt. Am besten, wir nutzen das Auto nur noch für Notfälle. Du musst mir morgen früh das Fahrrad aus dem Keller holen.“ „Wir sollten Hamsterkäufe machen. Wer weiß, wie die anderen Preise steigen. Stelle dir vor, das Tetra-Pack beim Penny-Markt kostet mit einmal 2,50 €. Nicht auszudenken …“ „Mache dir keine Sorgen. Ich habe heute ein 12er-Pack besorgt. Damit kommen wir die nächsten zwei Tage locker hin.“ „Das war gut! Aber was passiert dann …?“ Mir graute. …
… „Sag mal Liebling, eine Frage: Das ist ja hier bekanntlich hier nur ein Traum. Kann man in einem Traum denn müde sein? Und außerdem muss ich mal aufs Klo.“ Die beste aller Frauen antwortete nicht. Sie lag neben mir und schnarchte. „Ich denke heute ist Donnerstag“, flüsterte ich schon wesentlich leiser. Bloß nicht aufwecken. Der Hund lag zwischen uns, atmete still und zuckte mit dem rechten Hinterbein. Ich war aufgewacht. Das alte Problem. Ein Blick auf den Funkwecker: Halb Zwei. Meine Träume nahmen langsam Überhand. Nachdem ich der armen Prostata Tribut gezollt hatte, schlich ich in die Küche zum Kühlschrank, um etwas für mein Übergewicht zu tun. Ich fand ein großes Stück frischen Holländer, kramte nach einem Messer, suchte noch eine Tube Senf und ließ mich so bewaffnet auf einen Stuhl fallen. Dann schnitt ich mir ein großes Stück vom Käse ab, bestrich es mit einem Zentimeter des köstlichen Kühne-Senfes und stopfte es mir langsam und genussvoll in den Mund.
Was für ein Traum! Ein Traum, in dem man keinen Hunger hatte. Widerlich! Schnell schnitt ich mir noch ein Stück ab. Frisch entleert und frisch gestärkt ging ich wieder ins Bett. Ich brauchte Kraft, für neue Aufgaben …
… Lassie war zu Ende, ich überredete den Hund vom Kinderkanal zur Tagesschau zu schalten. In der ersten Meldung hielt Bundespräsident Wachtelhuber eine Ansprache. Er betonte, dass es die erste Bürgerpflicht sei, drei Mal am Tag zu essen. Außerdem erklärte er es zur Pflicht eines jeden Bürgers immer und an jedem Ort, eine Dose Berotec-Asthmaspray bei sich zu führen. Man plane ein neues Gesetz, in dem die Nichtbefolgung dieser Anordnungen unter Strafe gestellt würde. Er bat dafür um aller Verständnis.
An dieser Meldung erkannte ich sofort, dass meine Asthmatiker ganze Arbeit geleistet hatten. Nach dieser kurzen Zeit hatten sie bereits das Bundespräsidialamt unterwandert. Ich war außerordentlich stolz auf sie.
In der nächsten Meldung kamen die einzelnen Parteien zu Wort. SPD und CDU waren gemeinsam für die Neuerungen. Die Grünen meinten, dass die gesteigerte Berotec-Asthmaspray-Produktion auf jeden Fall, ohne Atomkraftwerke von statten gehen müsste. Die FDP verlas ein Manifest, in dem dringend darauf hingewiesen wurde, dass der Mittelstand unbedingt zu entlasten sei. Ansonsten würde man diese Entscheidungen nicht mittragen.
Die nächste Meldung handelte von einem Baum in Nicaragua, der mitten im Sommer seine Blätter verlor.
Die Nachrichten hatten sich verändert. Es gab keine Terroristen, Mörder, Bankräuber, Schwarzfahrer und Triebtäter mehr. Und das, obwohl Triebtäter meistens auch Schwarzfahrer waren. Alle liebgewordenen Verbrecher waren mit einmal verschwunden. Was war passiert? Wo waren die alle? Man munkelte schon hinter vorgehaltener Hand, dass die ersten islamistischen Frauen ihre Kopftücher ablegten. Die Welt hatte sich verändert. Die alte Ordnung bröckelte. Der Molekulartheologie standen harte Zeiten bevor.
Mir fiel der Hund wieder ein. Hatte er mich wirklich gegrüßt? Ich sollte nicht alles so gelassen hinnehmen und diesen Dingen mehr Aufmerksamkeit schenken. Vielleicht war ein Teil der Intelligenz der Menschen auf die Tiere übergegangen. Die Menschen wirkten einwandfrei debiler. Aber wenn der Hund schon sprechen konnte … Vielleicht hatte der Staub bei einigen Tieren genau das Gegenteil bewirkt. Wo war der Hund jetzt eigentlich? Ich fand ihn im Garten. Er saß kerzengerade, mit geschlossenen Augen, mitten auf der Wiese. Vorsichtig sprach ich ihn an. „Ja, was hat denn der feine Hund? Wo ist denn das brave Hundchen?“ Ohne mich anzuschauen sagte er: „Ich habe lange nachgedacht. Ich denke, ich sollte mein Leben radikal ändern. Einen ersten Schritt habe ich schon gemacht.“ Verwirrt schaute ich ihn an: „Was hat denn das brave Hundchen gemacht?“ „ Rede bitte nicht, wie mit einem Baby mit mir. Nimm mich wenigstens einmal ernst, nur ein einziges Mal, zum Kuckuck.“ „O. K.! Also, was hat das brave Hundchen vor?“ „Es liegt klar auf der Hand oder wenn du es so willst: Auf der Pfote. Da ihr mich ja sowieso zwingt, hier im Zölibat zu leben …“ „Was heißt hier zwingt? Meinst du, wir wollen die ganze Bude voller kleiner, pinkelnder Hundewelpen haben, die dann auch noch aussehen, wie du?“ „Das Letzte hättest du dir sparen können. Aber was ist denn eigentlich dagegen zu sagen?“ „Wer muss denn den ganzen Mist wegmachen und auch noch das Geld für die Frolics zusammenkratzen? Du etwa?“
„Wie dem auch sei! Ich wiederhole noch einmal: Da ihr mich ja bekanntlich zwingt im Zölibat zu leben, kann ich ja auch gleich Zen-Mönch werden.“ Mir fiel die Kinnlade runter. „Was willst du werden?“ „Zen-Mönch! Das ist mein freier Wille und meine freie Entscheidung.“ „Das Herrchen bin immer noch ich. Und solange du die Füße unter meinen Tisch stellst …“ „Ich habe sogar schon ein Koan.“ „Du hast was, bitte?“ „Ein Koan! Du hast auch wirklich überhaupt keine Ahnung von nix. Und so was ist Molekulartheologe! Ich bin ziemlich empört über so viel Ignoranz und mangelnde Bildung. Ein Koan ist natürlich ein Sinnspruch, über den man meditiert, du Unwissender.“ „Aha!“ „Willst du wissen, wie dieses Koan denn heißt?“ „Du kannst es ja sowieso nicht für dich behalten.“ „Also pass auf, damit du was lernst im Leben. Das Koan heißt: Hat ein Hund die Buddha-Natur oder nicht. Joshu sagte Mu.“ „Wie eine Kuh kommt da auch drin vor?“ „Joshu ist ein heiliger Mann.“ „Und warum macht er dann eine Kuh nach?“ „Du ungebildeter Tropf. Mu ist chinesisch und bedeutet so viel, wie eine bejahende Verneinung oder verneinende Bejahung.“
Jetzt hatte es ihn erwischt. Ich fühlte, ob seine Nase trocken war. Vielleicht sollte ich mit ihm mal wieder zum Tierarzt gehen. Es konnte sein, dass seine Tollwutimpfung erneuert werden musste. Das würde viel erklären. Mir reichte das Gespräch fürs erste. Ich ging zurück ins Wohnzimmer und pflanzte mich vor den Fernseher. Der MP9-Player lauerte vorsichtig um die Ecke. Ich schaute ihn einmal scharf an und er verschwand.
Als der Hund sich nach zwei Stunden noch immer nicht blicken ließ, machte ich mir langsam Sorgen. Nach einigem Suchen fand ich ihn im Garten. Dort lag er lang im Gras ausgestreckt. Ich bückte mich und bemerkte, dass er einen seltsamen aber vertrauten Geruch ausströmte. Es dauerte eine Weile, bis ich dahinter kam. Dieses Untier hatte sich inzwischen vollaufen lassen. Er war total betrunken. Das ging entschieden zu weit. Ich nahm ihn auf den Arm, trug ihn ins Haus und legte ihn in sein Körbchen. Ich hörte nur noch, wie er lallte: „Nacht zusammen …“ Dann fing er laut an zu schnarchen. Was waren das für Zeiten! Trotz meiner 37 Jahre fühlte ich mich mit einmal steinalt.
Ich erzählte alles meiner lieben Frau. Sie schien nichts Ungewöhnliches daran zu entdecken. Sie hörte mir zwar aufmerksam zu, nickte dann aber nur kurz. Das Einzige, was sie sagte war: „Du Liebling, heute ist ja Donnerstag, du weißt schon …“
Ein Liter Super bleifrei kostete inzwischen 12,80 €. Frisches Obst und Gemüse wurden knapp. Die Nachlieferungen klappten nicht mehr reibungslos. Es war Sand im Getriebe der Wirtschaft und dieser Sand knirschte bereits gewaltig. Die Asthmatiker arbeiteten rund um die Uhr, bis an den Rand der Erschöpfung. Die Berotec-Asthmaspray-Produktion wurde in nie gekannte Ausmaße gesteigert.
Die Stadt hing voller Plakate, auf denen leicht bekleidete und zumeist vollbusige Frauen, die Frage aller Fragen stellten: „Hast du schon gegessen?“ Die Menschen waren, wie seit allen Zeiten, von Werbung beeinflussbar. Gott sei Dank! Die Werbespots liefen rund um die Uhr. Die ersten Leute fragten sich schon gegenseitig: „Hast du schon gegessen?“ „Ja, ich bin satt!“ Der neue Gruß etablierte sich schnell. Alles in allem kamen wir gut voran. Problematisch war es, die Leute an das Asthmaspray zu gewöhnen. Die meistens Menschen dachten gar nicht daran. Sie waren einfach glücklich, wollten so bleiben, wie sie sind (das kannten sie ja aus der „Du darfst“-Werbung) und liefen grinsend durch die Straßen.
Der Staub war fort aber der Geruch lag noch in der Luft. Die Leute benahmen sich, wie sie sich wohl schon immer benehmen wollten. Was mir im Moment auch sorgen bereitete; die Nachrichten aus anderen Ländern wurden immer spärlicher. Südlich des Weißwurstäquators schien die Welt nicht mehr zu existieren. Die Nachrichtenstrukturen brachen zusammen. Telefonverbindungen kamen immer seltener zu stande. Es handelte sich hier um eine globale Katastrophe unendlichen Ausmaßes. Das Schlimmste daran: Alle waren glücklich dabei und fühlten sich ausgesprochen wohl.
Glück, was ist Glück eigentlich? Seit Jahrtausenden wurde darüber nachgedacht, philosophiert, geschrieben, gedichtet und gesungen. Diese riesengroße, unfassbare Sehnsucht der Wesen, ob Mensch oder Tier, nach Glück. Glück, der erstrebenswerte, hoffnungsvoll erwartete, froh umarmte Zustand! Aber was war Glück wirklich? War es tatsächlich ein erstrebenswertes Gefühl glücklich zu sein? Hier fiel es ein, wie die Pest im Mittelalter. Das Glück zeigte sich von seiner stärksten Seite. Es bemühte sich um nichts Geringeres, als die Auslöschung der Menschheit.
Bloß warum? Wo war der Sinn des Ganzen? Gab es überhaupt einen Sinn in diesem bizarren Geschehen? Ich stellte mir wiederholt die Frage: Wer oder was steckte dahinter? Es gab ja das molekulartheologische Gesetz von Ursache, Wirkung und Abstinenz. Die Wirkung erfuhren wir gerade. Aber was war die Ursache? Und wo blieb die Abstinenz? Ich musste dringend ein neues Asthmatiker-Spezialisten-Task-Force-Team zusammenstellen, um dieser Sache endgültig auf den Grund zu gehen. Ich griff zum Telefon, um Karl oder Heinz aufzufordern, die nötigen Schritte in die Wege zu leiten. Die Leitung war tot.
Trotz der ganzen Ereignisse, fuhr ich weiterhin jeden Morgen mit dem Fahrrad zum Institut. Ein Minimum an Normalität sollte mir wenigstens erhalten bleiben. An irgendetwas musste man sich ja in diesen Zeiten klammern. Ich hielt auch weiterhin, meine früher so beliebten Vorträge. Leider wurde mein Publikum von Tag zu Tag spärlicher. Irgendwann würde ich es ganz sein lassen müssen, da es mir keine Freude bereitete, einsam und allein im Hörsaal zu stehen und dummes Zeug zu reden. Unsere molekulartheologischen Forschungen legte ich ganz auf Eis. Es gab im Moment wirklich Wichtigeres zu tun. Vor allen Dingen das Berotec-Projekt, musste endlich Früchte tragen. Die Forschungen um die Datura mineralis erledigten inzwischen Fachasthmatiker.
Auf dem Weg zur Arbeit fuhr ich an der Commerzbank vorbei. All zu sehr erstaunte es mich nicht, dass alle Türen weit offen standen, obwohl weit und breit kein Mensch zu sehen war. Ich stellte mein Fahrrad auf den Ständer und ging in die Schalterhalle. Ich schaute nach links und rechts; niemand da. Die schwere Tür zum Tresorraum war weit geöffnet. Ich holte die orangen Satteltaschen vom Fahrrad und stopfte ca. 400.000 € in gebündelten, unregistrierten und gebrauchten Scheinen hinein. Man wusste ja nie! Beschwingt fuhr ich weiter. Ein bisschen Klimpergeld konnte man immer gebrauchen. Es war ja nur ein Traum und dazu noch mein Traum. Darauf konnte ich mich immer herausreden und später berufen, falls irgendjemand etwas bemerkte. In Träumen wird zwar bekanntlich so gut wie nie geklaut aber ich machte hier mal eine Ausnahme.
Das Geld packte ich dann in den Institutssafe. Nur meine beiden treuen Assistenten und ich kannten die Kombination. Es war ja immer gut, eine stille Reserve zu haben. Dazu gab es noch einen wichtigen zusätzlichen Grund. Meine Anträge auf Bestechungsgelder wurden in der letzten Zeit immer häufiger abgelehnt. Schlechte Wirtschaftslage, schmale Kassen und dieses ganze dumme Gerede. Ich konnte es wirklich nicht mehr hören.
Die zuständige Behörde machte es sich immer einfacher. Die Anträge kamen zurück, immer mit dem Aufdruck „UNBESTECHLICH“ quergestempelt. So einfach ging das! Dabei war Bestechung aus der heutigen Wirtschaftswelt eigentlich gar nicht mehr wegzudenken. Die Regierung plante sogar einen Minister für Bestechlichkeit zu ernennen. Das war aus meiner Sicht auch vernünftig und zukunftsweisend. Manchmal genügten die einfachsten Mittel, um die Wirtschaft wieder auf Trab zu bringen. Kompliziertere Mittel überschritten sowieso den Horizont der meisten Politiker.
Ich überlegte schon seit geraumer Zeit, ob ich dieses Fach nicht mit in den Unterrichtsplan aufnehmen sollte. Nach langen Überlegungen und Rücksprache mit Karl oder Heinz hatte ich mich dann dagegen entschieden. Es handelte sich ja hierbei eher um ein kaufmännisches Thema und hatte wenig mit Molekulartheologie zu tun. Vielleicht sollte ich ein paar Vorträge darüber in der Volkshochschule halten. Dass Karl oder Heinz dagegen war, hatte ich auch nicht anders erwartet. Er war einfach zu schlapp. Einer von Beiden war wirklich schrecklich faul. Leider habe ich bis jetzt noch nicht herausgekriegt, wer es war. Aber wenn ich ihn erwischen würde, dann würde die Post abgehen.

Im Institut waren die Beiden nicht aufzutreiben. Also konnte ich mich mal wieder um alles alleine kümmern. Auf meinem Schreibtisch lag ein Zettel, auf dem in krakeliger Handschrift stand: „Wir sind zu Probeaufnahmen bei unserer neuen Heavy-Metal-Band. Wir fanden das eine gute Idee, um Randgruppen mit unserem Thema zu erreichen. Die Gruppe nennt sich, „Die Verfressenen“. Danach sind wir dann im Tonstudio, um die neue Single aufzunehmen. Die Platte wird ein Hammer. Sie heißt: „Das große Fressen“ und ist ein Protestsong. Viele Grüße Karl Heinz.
Das würde ich ihnen heimzahlen! Aber die Arbeit konnte natürlich nicht liegen bleiben.
Absoluten Vorrang hatte im Moment, das Schaffen größerer Lagerungskapazitäten, für die gigantisch angelaufene Berotec-Asthmaspray-Produktion. In einer geschickten Kooperation mit der Stadtsparkasse Grevenbroich unter der Schirmherrschaft des stellvertretenden Chefredakteurs, des „Grevenbroicher Tagesblattes“ Horst Schlemmer, erstanden wir bei eBay den Gasometer von Oberhausen. Auf diese Leistung war ich besonders stolz. Da sieht man, was man mit vernünftig geplanter Bestechung alles ausrichten kann. Einer der wenigen Fälle, wo mir der Antrag mal nicht abgelehnt wurde. Das Bestechungsgeld bekam ordnungsgemäß der Oberbürgermeister von Oberhausen, damit er den Gasometer in eBay einsetzte. Dieser raffinierte Plan stammte ganz alleine von mir. Als Mittelsmänner wurden lediglich zwei Vorstandsasthmatiker zwischen geschaltet.
Als alles erledigt war, tauchten auch Karl und oder Heinz wieder auf. Sie hatten sich beide die Haare schwarz gefärbt und wild hochtoupiert. „Ach ne, mich hier schwitzen lassen und ihr macht hier blau, das haben wir gerne.“ „Wir auch!“ kam es, wie aus einem Mund zurück.“ Ich bemerkte, dass sie beide eine Fahne hatten und bedenklich wackelten.
Augenblicklich wurden sie von mir beauftragt, für die Gründung der neuen Task-Force zu sorgen. Den aufkeimenden Widerspruch würgte ich mit einer Handbewegung ab.
Kurze Zeit später, ich war gerade in superwichtige und absolut geheime Unterlagen vertieft, rief mich Karl oder Heinz ans Telefon rief. Wenigstens das Telefon funktioniert wieder, dachte ich. „Wer ist denn dran?“ „Professor Wichtig. Es ist wichtig.“ Der Chefarzt der Asthmaklinik rief mich an? Dann musste es wichtig sein. „Herr Professor Wichtig, was ist so wichtig?“ „Halten sie sich fest.“ Ich hielt mich fest. „Setzen sie sich besser hin.“ Ich setzte mich hin und hielt mich dabei fest, um keinen Fehler zu machen. „Man hat links neben dem Mars einen Meteoriten entdeckt.“ „Bravo! Und deswegen rufen sie mich an? Ich habe selbst schon zehn, oder zwanzig entdeckt.“ „Das ist aber noch nicht alles.“ „Was denn noch?“ fragte ich, um Haltung bemüht. „Jetzt kommt der Hammer!“ „Hat man den auch entdeckt?“ „Quatsch! Man hat bei dem neuen Meteoriten dann einmal genauer hingeschaut.“ „Super!“ „Sie glauben nicht, was ich ihnen jetzt sage.“ „Da halte ich für sehr wahrscheinlich.“ „Der Meteorit ist gar kein Meteorit.“ „So, so, was dann?“ „Ein unbekanntes Flugobjekt, ein so genanntes UFO.“
Jetzt war es passiert. Er war total durchgeknallt. Da war wohl nichts mehr zu machen. „Haben sie zufällig ihre Berotec-Asthma-Spraydose zur Hand?“ „Ja, warum?“ „Tun sie mir bitte einen Gefallen?“ „Natürlich!“ „Stecken sie sich das Ding in den Mund und drücken sie fünf Mal drauf.“ Er tat es tatsächlich! Man hörte es deutlich fünfmal leise zischen. „So, und jetzt wiederholen sie noch einmal, was sie gesagt haben.“ Man hörte, wie am anderen Ende der Leitung jemand nach Luft rang. Dann keuchte es aus dem Telefon: „Ein UFO wurde links neben dem Mars gesichtet.“ Mir fiel die Kinnlade runter. War das noch alles noch nicht genug gewesen? Der Pseudo-Zimtstaub, die Datura, die Verblödung der Menschheit, sprechende Hunde, jetzt auch noch ein UFO? Meine Vermutung verstärkte sich, dass da irgendwo ein Zusammenhang sein müsste. Ich nahm selbst schnell zwei Züge aus der Spraydose, um die Contenance zu wahren. Ich fühlte mich einfach mit meinen 37 Jahren zu alt für so was alles. „Was macht dieses UFO denn?“ „Nichts, es steht nur da herum und parkt.“ „Nichts?“ „Nichts, rein gar nichts.“ Das beruhigte mich ein wenig.
Warum hatte ich nicht damals auf meinen Großvater gehört und war Lokomotivführer geworden. Das hier war die Strafe! Aber jetzt gab es kein Zurück mehr, die Lokomotiven mussten ohne mich klarkommen. Ich sackte in mich zusammen. …
… „Liebling, Frühstück ist fertig. Ich habe schon Brötchen geholt. Für dich, wie immer fünf Stück. Aufwachen… Du hast geschlafen, wie ein Bär. Und vergiss bitte nicht, du wolltest heute noch den Wohnwagen für den Urlaub fit machen.“ Ich war sofort hellwach. Mist, das hatte ich mit Erfolg verdrängelt. Wohnwagen fit machen, dass hieß: Wohnwagen waschen, Wohnwagen entrümpeln, Wohnwagenelektrik testen, Wohnwagenwasserversorgung in Ordnung bringen usw. usw. Höchststrafe! Der Tag war gelaufen.
Wir sollten die Karre endlich verschrotten lassen und wie andere Menschen, mit dem Flugzeug in Urlaub fliegen. Ins Flugzeug setzte man sich einfach rein. Das brauchte man nicht extra vorher zu waschen, aufzuräumen und sonst irgendwie in Ordnung zu bringen. Preislich war da sowieso schon seit Jahren kein Unterschied mehr. Die unverschämten Campingplatzgebühren und die genauso unverschämten Spritpreise zur Urlaubssaison, taten ihr Nötiges und verdarben einem den Spaß.
Manche Menschen meinen ja, Camping ist irgendwie ein anderes Wort für Verwahrlosung. Ich allerdings hatte schon immer sehr viel Freude daran. (Am Camping, nicht an der Verwahrlosung). Bei uns hatte das eine lange Familientradition. (nicht die Verwahrlosung!!!) Da kam man schwer gegen an. Wie bekanntlich gegen alle Traditionen. In jungen Jahren fuhr ich mit dem Zelt und den Pfadfindern durch die Welt. Damit hatte ich dann wohl meine Familie infiziert. In späteren Jahren entdeckten wir einen kleinen Campingplatz, mitten im Wald und das nur 30 km von uns entfernt. Damit waren unsere Wochenenden gesichert. Der Campingplatz hatte weder Wasser noch Strom. Das hatte uns nie gestört. Die Hightech-Versorgung bestand aus einem selten laufenden Stromaggregat und zart duftendem Plumpsklo. Es duftete besonders im Sommer, wenn die Sonne darauf schien. (aufs Plumpsklo, nicht aufs Stromaggregat!)
Trinkwasser musste man sich natürlich mitbringen. War mir sowieso egal, da ich am Wochenende kein Wasser trank. Wir genossen die Ruhe und Abgeschiedenheit.
Schlimm war, dass dieser Platz, als eingetragener Verein geführt wurde, mit allem was dazu gehört. Das rief direkt alle Vereinsmeier auf den Plan, die hier endlich einmal eine Aufgabe in ihr tristes Leben bringen konnten. In den Vorstand gewählt zu werden, das war schon was. Das war ein Highlite in der Biografie. Es dauerte nicht lange und ich war erster Vorsitzender.
Jedenfalls hatten wir dort einen festen Standplatz und uns auch schnell einen chicen Wohnwagen zugelegt. Sieben Jahre hielten wir es aus. S i e b e n lange Jahre! Die Leute auf dem Platz wechselten und unsere Wohnwagen auch. Allerdings wurde dieser Platz von Jahr zu Jahr, immer mehr zum sozialen Brennpunkt. Als der IQ-Durchschnitt der Platzbewohner der einer Knäckebrotpackung glich, gaben wir auf. Seit dem stand unser aktueller Wohnwagen auf einer Wiese in der Nachbarschaft. Der agrarökonomische Besitzer dieser Wiese hatte neben uns, noch fünf anderen Wohnwagenbesitzern Asyl gewährt. Ich vermutete, denen war es irgendwo ähnlich ergangen. Für schlappe hundert Euro im Jahr konnten wir unser Gefährt dort parken. Ansonsten kümmerte er sich nicht um uns. Wir fanden das überaus korrekt. Sowohl den Preis, als auch, dass man uns hier in Ruhe ließ und wir keinem dummen Gerede mehr ausgesetzt waren. Wenn wir mit dem Hund Gassi gingen, besuchten wir unseren Wohnwagen ab und an. Manchmal schien die Sonne, dann setzten wir uns davor und träumten von ausgedehnten Weltreisen. Wirklich benutzt wurde er nur einmal im Jahr, um nach Holland ans Meer zu fahren.
Und dafür musste ich hier und heute die ganze Action leisten!
Der Samstag war im Eimer, das erwähnte ich ja bereits. Das konnte ich auch nicht mehr abwenden. Ich überlegte kurz, ob ich einen Herzanfall oder einen Magendurchbruch vortäuschen sollte, entschied mich dann aber kurzfristig dagegen. Mit Putzutensilien, Werkzeugkasten und fünf Flaschen Bier bewaffnet, machte ich mich an die Arbeit. Das Bier war wichtig, damit ich meine verlorene Freiheit und meinen Kummer bewältigen konnte. Das gelang mir in der Regel auch ganz gut.
Nach getaner Arbeit betrachtete ich, nicht ohne Stolz, mein vortreffliches Werk. Der Urlaub konnte kommen!
Mit stolz gefüllter Brust kehrte ich heim. Voller Elan berichtete ich von meiner Glanztat. Natürlich erwartete man ein gebührendes Lob der Lieben, wenn man so aufopferungsvolle Taten begangen hatte. Das Lob der holden Ehefrau fiel sogar größer aus, als gedacht: „Brav Liebling, fein gemacht.“ Ich kam mir vor wie der Hund, wenn er das Stöckchen endlich zurückbrachte. „Jetzt brauchst du ja nur noch den Keller aufräumen, die Steckdosen reparieren, mal nach der Waschmaschine schauen, den Wagen waschen, den Baum fällen, das Haus streichen, die Fahrräder aufpumpen und der Hund müsste langsam auch mal raus. Weißt du eigentlich, wie spät es ist?“ Wie bereits gesagt: Der Tag war gelaufen. Kein Wunder, dass man davon nachts Albträume bekam.
Aber als Mann hat man ja auch so seine Möglichkeiten: „Schatzibär, was gibt es denn zu essen?“ „Ich habe lecker gekocht. Steht in der Mikrowelle.“ „Liebling, spreche ich chinesisch? Was gibt es zu essen?“ „ Es wird dir gefallen.“ „Bestimmt! Was gibt es denn zu essen?“ „Tofuburger, mit Löwenzahnsalat, leckerer Sauerrahmsauce und Kressesüppchen. Ich hab auch noch was Knoblauchbaguette aufgebacken.“ „Ha, ha, ha … der war gut! Schatzi sag schon, was gibt es zu essen?“ Das Gespräch endete abrupt. Die Ehre war wieder hergestellt.
ch haute mir ein paar Würstchen in die Pfanne, schnappte mir ein Weißweinpack, ging mit dem ganzen Zeug ins Wohnzimmer, schaltete den Großbildfernseher an, verkoppelte ihn mit der Stereoanlage, drehte die Lautstärke auf volle Pulle, ließ mich aufs Sofa fallen und guckte die Sportschau. Ja, endlich Wochenende! Leider hatten die Deppen von Borussia schon wieder verloren. Das schmälerte das Vergnügen etwas. Aber nicht viel, denn man war es ja gewohnt. Das war der Abstieg. … und tschüss in der 2. Liga! Hatten sie auch nicht besser verdient. Das waren noch Zeiten, als Günther Netzer und Hennes Weisweiler …, na ja, lassen wir das!
„Liebling, warst du schon mit dem Hund?“ „Ich wäre auch ohne diesen blöden Satz mit ihm gegangen. Ich mach das ja schließlich jeden Abend.“ Darauf war der Hund geeicht, das wusste sie. Hörte er das Wort „Hund“ stand er sofort senkrecht auf der Matte. Zwergschnauzer haben gute Ohren und sind bekanntlich schlau. Also gut! Ich schraubte mich von meinem Sofasitz in die Höhe, versuchte ein leichtes Schwanken zu unterdrücken und zog mit dem Hund los.
Zuerst schauten wir noch einmal nach dem Wohnwagen. Ich musste mein Tageswerk in der untergehenden Sonne bewundern. „ Ist er nicht schön?“ sagte ich zum Hund, „wie er da so, frisch gewaschen, in der Abendsonne glitzert und leuchtet?“ Selbst unser Haustier schien der Anblick mit stolz zu erfüllen, denn er ließ direkt neben der Wohnwagendeichsel einen Haufen fallen. So hat eben jeder seine Ausdrucksweise.
Gegen Mitternacht, nach dem alle Fernsehprogramme abgearbeitet waren, kam Müdigkeit auf. Ich leerte den letzten Plastikbecher Weißwein und schwankte endlich ins Bett. ….
… In meinem Büro wurde ich schon erwartet. „Da sind sie ja endlich“, sagte Karl oder Heinz ziemlich mürrisch. „Ich habe Kopfschmerzen …“, entgegnete ich. „Kopfschmerzen? Das sieht mir mehr nach Kater aus. Kommt einfach vom Saufen. Glauben sie mir, ich weiß, wovon ich rede.“ „Mäßige dich gefälligst und besorge mir 3 Ass-Ratiopharm 500 aber zack, zack! So kann ich nicht arbeiten.“ „Wird sofort erledigt, Chef“, sagte Karl oder Heinz und tat dabei äußerst dienstbeflissen. „Übrigens, da ist Besuch für sie.“
Ich drehte mich um und erblickte einen äußerst dünnen, hoch gewachsenen Mann, der neben der Stehlampe in einer Zimmerecke lauerte. „Ich bin Dr. Hafernickel“, stellte er sich augenblicklich vor. „Stellvertretender Stellvertreter der Arbeitsgruppe Datura mineralis. Es gibt Neuigkeiten und mein Chef meinte, sie sollten davon erfahren. Deswegen bin ich hier.“ Ich horchte auf: „Hallo Doktor Haberkanickel, erzählen sie schon. Was ist passiert? Haben sie neue Erkenntnisse?“ „Das will ich wohl meinen. Die Daturas auf den Feldern beginnen zu verblühen.“ „Aha, und was heißt das im Klartext? Sind die Wochen der Plagen endlich gezählt?“ „Verblüht ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck. Die Blüten fallen komplett, so wie sie sind, ohne jegliche Veränderung zu Boden. Dort zerspringen sie, als wären sie aus dünnem Glas. Man hört es sogar jedes mal leise klirren, wenn eine fällt. Beinahe, wie bei Christbaumkugeln.“ „Und was passiert dann? Kann man sich an den Scherben schneiden?“ Dr. Hafernickel zog die Stirn in Falten. „Ich muss zugeben, darüber haben wir noch nicht nachgedacht. Das hat aber auch damit zu tun, dass sich die entstandenen Scherben, in Minuten verflüssigen und vom Boden dann restlich und vollkommen aufgesogen werden.“ „Das ist gut. Vielleicht verschwindet so, nach und nach wenigstens, die komplette Spezies.“ „Aber das ist noch nicht alles!“ „Nun erzählen sie schon.“ „Bevor die Blüte abfällt, versprüht sie eine minimale Menge dieses braunen Pseudo-Zimt-Staubes.“ „Dann beginnt der Kreislauf ja von vorne.“ „Im gewissen Sinne schon aber anders, als sie jetzt denken.“ „Mein Gott, spannen sie mich doch nicht so auf die Folter.“ Flüssige Rede war wohl nicht gerade Hafernickels Stärke, dachte ich. „Der Staub fällt langsam auch zu Boden, verflüssigt sich und wird dann genauso von der Erde aufgenommen.“ Er machte eine Kunstpause, wohl um die Wichtigkeit seiner Mitteilung zu unterstreichen. „Wir wissen jetzt auch, wieso der ganze Staub verschwunden ist. Es ist ganz einfach. Bis zu einer Temperatur von zwölf Grad, bleibt die Konsistenz fest, wird es wärmer, so verflüssigt sie und sickert in den Boden oder in dieser Jahreszeit ganz passend, nachts überlebt sie, tags über, bei steigenden Temperaturen, verschwindet sie.“ „Herzlichen Glückwunsch. Das heißt, ja mit anderen Worten: Alle Felder brauchten Rasenheizung, wie in den Fußballstadien. Karl oder Heinz kümmert euch augenblicklich darum: Im Safe liegen noch knapp 400.000 €, aus einer Geschichte, die hier nichts zur Sache tut. Nehmt das Geld und kauft davon so viele Aktien von Rasenheizungsherstellern, wie ihr kriegen könnt.“
Meine Kopfschmerzen waren wie weggeblasen. Ich sah Licht am Ende des Tunnels. Leider wurde dieses Licht von Dr. Hafernickel direkt wieder ausgeblasen. Er beugte seinen extrem langen Oberkörper nach vorn, setzte seine Stirn wieder in zentimetertiefe Falten und sagte mit leiser Stimme, als hätte er Angst, dass wir belauscht würden: „Leider haben wir da ein Problem!“ „Jetzt kommt´s! Haben wir nicht schon genug Probleme? Was für ein Problem denn jetzt schon wieder?“ „Unsere Forschungsergebnisse haben sich rumgesprochen. Wie das passieren konnte, ist mir ein Rätsel. Irgendeine undichte Stelle.“ „Ja und? Was ist denn so schlimm daran? Es soll ja sogar Wissenschaftler geben, die ihre Forschungsergebnisse veröffentlichen.“ Mein Hang zum Sarkasmus brach durch. „Ja, verstehen sie denn nicht, die zwölf Grad …“ Ich verstand nur Bahnhof. „Was ist denn mit diesen zwölf Grad?“ „Wie ich vorhin erwähnte, bleibt unter 12 Grad der Staub konstant.“ „Und jetzt?“ Mein Gesicht war nur noch wenige Zentimeter von seinem entfernt. Ich konnte bereits seinen schlechten Atem riechen und seine, sich in hektischer Vibration befindenden Nasenhaare beobachten. „Wie gesagt, das hat sich rumgesprochen.“ „Hat es das?“ Wenn der Kerl mir nur noch einen Zentimeter näher kommt, kriegt er eine auf die Zwölf, dachte ich und ballte schon langsam meine Hand zur Faust. Aber was dann kam, brachte mich augenblicklich von meinem Vorhaben ab. „Das muss, wie ein Lauffeuer rumgegangen sein. Alle Althippies, Langzeitstudenten, Möchtegernphilosophen, Krankenschwestern und die gesamte restliche Unterwelt versammeln sich jetzt nachts, im Taschenlampenschein auf den Feldern und sammeln den Staub ein. Dann wird der eingefroren oder einfach in den kühlen Keller gebracht. Ich wette, die Hippies rühren sich das Zeug morgens in ihr Müsli und der Tag wird glücklich und zufrieden verbracht. Die ersten Dealer stehen schon mit Kühltaschen an den Straßenecken. Die Bauern, welchen diese Felder gehören und deren reguläre Ernte in die Binsen gegangen ist, machen jetzt das Geschäft ihres Lebens. Einige haben ihre Felder eingezäunt und verkaufen Eintrittskarten. Andere haben über das Arbeitsamt Hartz-4-Leute angefordert. Die müssen nachts den Staub einsammeln. Das müssen sie sich einmal vorstellen: Die werden sogar noch vom Arbeitsamt gefördert, 1-Euro-Job! Ein Riesenmarkt entsteht. In den Kaufhäusern und Elektrogeschäften sind Kühlschränke und Kühltruhen nahezu ausverkauft. Leute vermieten einzelne, nicht genutzte Eisfächer in ihren Kühlschränken zu Wahnsinnspreisen. Ein komplett neuer Wirtschaftszweig ist entstanden.“ „Ja, kann man das denn nicht unterbinden? Das ist doch Drogenhandel …“ „Ja, aber völlig legal. Es gibt momentan noch kein Gesetz, dass den Handel mit braunem Staub verbietet.“
Ich überlegte kurz. Einen Moment zögerte ich. Sollte ich auch auf die Felder eilen? Gegen ein gutes Geschäft war ja eigentlich nichts einzuwenden. Aber die hohen, einzigartigen Moralvorstellungen der Molekulartheologen hielten mich davon ab. Karl und Heinz waren plötzlich verschwunden.
Ich konnte den Lauf der Dinge sowieso nicht verändern. „Dr. Karnickel, haben sie eigentlich von dem UFO gehört.“ „Habernickel!“ „Angenehm!“ „Natürlich, alle sprechen davon. War sogar in den Nachrichten.“ „Und, gibt es was Neues?“ „Nein, es steht noch immer an derselben Stelle, wie festgemauert. Neue Messungen haben ergeben, dass es beinahe einen Kilometer Durchmesser hat. Man versucht mit dem Hupple-Teleskop Bilder zu machen. In ein paar Stunden sollen die veröffentlicht werden. Wenn sie mich fragen, halte ich das ganze für ausgemachten Quatsch. Da will sich nur wieder jemand aufspielen und wichtig machen. In diesen Zeiten wird ja jeder Mist geglaubt. Als wenn die Menschen etwas suchen würden, um von ihrer eigenen Misere und dieser neuen Situation abzulenken. Das Ganze wird sich irgendwann auflösen, wie Rauch in der Luft. Irgendwann ist auch der ganze Spuk mit diesem braunen Staub vorbei, da möchte ich wetten.“ „Das ist auch die offizielle Meinung der gesamten Molekulartheologie.“ „Bloß, die Sache hat einen Haken.“ „So, welchen denn?“ „Es könnte sein, dass die Menschheit dann ausgestorben ist. Man munkelt schon von ersten merkwürdigen Todesfällen. Wenn die Menschen vor Schwäche nicht mehr können, ziehen sie sich diskret in ein Eckchen zurück und sterben einfach so vor sich hin. Jeden, den man bisher gefunden hat, hatte ein glückseliges Lächeln auf den Lippen.“ „Wir haben ja mit viel trara eine Essenskampagne gestartet. Die greift zwar aber jeden Menschen erreicht sie natürlich nicht. Außerdem werden etliche Lebensmittel wirklich langsam knapp.“
„Übrigens, wir hatten noch etwas herausgefunden. Interessant ist, dass zum Beispiel Pilze nicht betroffen sind, die wachsen ungehindert weiter, als wäre nie etwas passiert. Deshalb sind wir der Meinung, dass man mehr Champignon-Zuchtfarmen eröffnen sollte. Das könnte äußerst hilfreich sein.“ Ich machte mir sofort eine Notiz. Wenn Karl oder Heinz wieder auftauchten, mussten sie sich unbedingt darum kümmern.
Ich schenkte Dr. Hafernickel zum Abschied drei Dosen Original-Berotec-Asthmaspray, die er auch dankend annahm. Ein Hemd wäscht das andere! In dieser Zeit brauchte man konspirative Menschen, die man für seine Zwecke schamlos ausnutzen konnte.
Ich überlegte mir, dass es wohl ratsam wäre, mal zu Hause vorbei zu schauen. Wer weiß, was sich da in der Zwischenzeit ereignet hatte. Ich schnappte mir mein Fahrrad und düste los. Auf der Fahrt stellte ich fest, dass die ersten Tankstellen bereits ihre Pforten geschlossen hatten. Entweder waren dort keine Sprit-Nachlieferungen angekommen oder das Tankstellenpersonal hatte sich einfach auf und davon gemacht. Der Literpreis für Super bleifrei, lag aktuell bei 32,60 €.
Zufällig fuhr ich an einem Spielplatz vorbei. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich eine korpulente alte Dame, schätzungsweise um die 85, mit blau geblümter Kittelschürze und grauem Haarknoten. Mit der linken Hand stützte sie sich auf ihren Krückstock. In der rechten hielt sie eine Tiefkühltasche!
Bei mir läuteten sofort die Alarmglocken. Wie vom Blitz getroffen, wurde mir sofort klar: Die ersten Staubdealer wurden tätig! Auf diese Oma-Tarnung fiel ein anständiger Molekulartheologe natürlich nicht herein. An einem Spielplatz und dann noch am helllichten Tage unsere Kinder verführen und dass noch in diesem Alter. Unglaublich! Da konnte die Rente noch so klein sein, dafür hatte ich keinerlei Verständnis. Nicht mit mir! Ich sprang vom Rad und entriss ihr, trotz heftiger Gegenwehr und unter Nichtbeachtung ihrer Hilfeschreie, die Kühltasche. Ich kümmerte mich nicht weiter um ihr Geschrei, riss diese auf und erblickte … eine Packung Tiefkühlerbsen. Aha, so machten sie das also! Jetzt tarnten sie das Zeug schon in Tiefkühlerbsenpackungen. Unter wüsten Beschimpfungen riss ich die Packung auf und erblickte … Tiefkühlerbsen. Der halbe Packungsinhalt kullerte zu Boden. Während ich herumkroch, um die Erbsen wieder einzusammeln, schlug sie unentwegt und unter mordsmäßigem Gezeter mit ihrem Stock auf meinen Molekulartheologenrücken. Hatte dieses mörderische Wesen denn keinerlei Erfurcht? Was wäre, wenn ich das mit ihr machen würde? Ich sah mich genötigt, mein hehres Vorhaben zu beenden und flüchtete mit dem Fahrrad, so schnell ich konnte. Gemeingefährlich! Wo ist die Polizei, wenn man sie braucht? Rasende Rentner! In mir bestätigte sich der Verdacht, dass die Tiefkühlerbsen nur als Tarnung dienten.
Natürlich können bei der Verteidigung des Rechtsstaates kleinere Fehler passieren. Das musste man als anständiger Bürger einfach riskieren. Aber wer ließ eigentlich solche Hard-Core-Rentner auf die Menschheit los? Da steckte doch was dahinter! Ich musste mir dringend eine Notiz machen, dass ich Karl oder Heinz darauf ansetzte, um diese Angelegenheit zu klären.
Ich schloss die Wohnungstür auf: „Hallo, bin da, wer noch?“ „Ich!“ Der Mp9-Player stürzte um die Ecke. Ich zuckte zusammen. „Chefe´, ich kann was vollkommen Neues zu deiner Unterhaltung beitragen.“ Meine Laune wurde wieder schlechter. „Ich habe einen neuen, äußerst kreativen Tanz einstudiert. Willst du mal sehen?“ „Nein!“ „Doch! Schau mal, ich habe Tango und Macarena gelernt. Kann ich sofort vorführen. Dafür bräuchte ich nur mal eben kurz meine Arme …“ „Hau ab!“ Ich ging ins Wohnzimmer. Niemand da. Nur der Hund saß kerzengerade, mit halb geschlossenen Augen auf dem Sessel. „Ei, da ist ja das liebe Hundilein.“ „Ruuuuhheeee, siehst du nicht, dass ich meditiere? Kann man nicht einmal in den eigenen vier Wänden seine Ruhe haben? Diese Rücksichtslosigkeit geht mir langsam auf die Nerven. Wenn das so weiter geht, ziehe ich aus.“ „Das tust du nicht. Ich bin immer noch dein Herrchen.“ „Unterdrücker“ „Geh´ in dein Körbchen.“ „Sklaventreiber.“ Mir platzte der Kragen: „Wenn das so weiter geht, kannst du von mir aus im Wohnwagen schlafen.“ „Gute Idee! Übrigens ich habe da sowieso noch einmal eine Frage.“ „Was willst du denn noch?“ „Ist in den Frolics, die ich hier gezwungen werde zu fressen, eigentlich auch Fleisch drin?“ „Ja natürlich! Alles was ein Hund braucht.“ „Irrtum! Vielleicht alles, was ein Mensch braucht. Da ich jetzt Zen-Mönch bin, ernähre ich mich natürlich nur noch vegetarisch. Ich bitte in Zukunft Rücksicht darauf zu nehmen.“
Das war zuviel! „Du hast doch wohl nicht mehr alle Latten am Zaun. Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Sonst kannst du dir dein Zeug selber besorgen.“ „Ignorant! Zum Ersten esse ich nicht, was auf den Tisch kommt sondern kriege ich meine Scheiß-Frolics immer noch im Napf und zweitens bist du mein Herrchen und ich dein Schutzbefohlener, Sklave und Abhängiger. Du hast dafür zu sorgen, dass ich ordnungsgemäß, artgerecht und natürlich wunschgemäß ernährt werde. Sonst melde ich dich dem Tierschutzverein.“ Wortlos drehte ich mich um und ging. Es gab Zeiten, da musste man wirklich an alle Fronten kämpfen.
Mein liebe Frau und den klugen Sohn fand ich im Garten. Sie gestikulierten erregt und hantierten mit einem alten Fernglas herum. „Man sieht absolut nix“, hörte ich meinen Sohn gerade rufen. Seine Stimme vibrierte vor Erregung. „Vielleicht war das wieder eine Falschmeldung oder das Fernglas ist kaputt“, entgegnete meine Frau. „N´ Abend, was macht ihr denn da?“ fragte ich verdutzt. Meine Frau drehte sich nur kurz in meine Richtung, nahm meinem Sohn das Fernglas aus den Fingern und starrte hindurch, Richtung Himmel. Ohne mich anzuschauen, sagte sie, mit erregter Stimmer: „Ja, hast du es denn noch nicht gehört?“ „Nee, was denn?“ „Vom UFO!“ „Ja, klar, soll angeblich am Mars gesichtet worden sein.“ „Das war gestern. Vorhin in den Nachrichten haben sie gesagt, von einer Sekunde zur anderen hat es seine Richtung geändert.“ „Und wo soll es jetzt angeblich sein?“ Langsam ging mir diese UFO-Geschichte auf die Nerven. „Es soll links neben dem Mond stehen. Ohne einen Zeitverlust hat es seinen Standort gewechselt. Quasi in Null-Zeit.“ „Habt ihr braunen Staub genommen oder was ist mit euch los?“ „Quatsch, war doch auch im Fernsehen.“ „RTL oder so was?“ „Ja!“ „Hatte ich mir doch gedacht! Neulich hatten sie über eine zwölfbeinige Katze berichtet. War auch gelogen.“ „Aber das war vollkommen ernst gemeint. Der Reporter war richtig erschüttert.“ „Erschüttert sein, üben die vor jeder Sendung im Spiegel. Und hast du dein UFO denn schon entdeckt?“ „Ne, ich glaube das Fernglas ist kaputt. Ich sehe alles verschwommen.“ „Verschwommen? Hast du um diese Uhrzeit schon am Tetra-Pack genascht?“ „Ja, aber ich habe dir noch was drin gelassen.“ „Ich werde euch beweisen, dass das alles Quatsch ist.“
In Windeseile holte ich aus dem Keller mein Hyperelektronenrasterspezialmolekulartheologensuper-vollkrassfernglas. Das baute ich dann im Garten auf. War ein Bisschen kompliziert aber ich musste diesem ganzen Quatsch ein für allemal ein Ende bereiten. Da der Abend noch jung war, sah man den Mond noch recht schwach. Aber mit diesem Fernglas würde es hundertprozentig klappen. Wenn da wirklich was war, dann wurde es jetzt auch von mir gefunden. Jetzt gab es keine Ausreden mehr.
Nach einigen Mühen stand die Apparatur. Ich suchte den Mond im Okular, drehte das Fernglas ein Bisschen nach links und … „Lieber Gott, was ist das denn?“ Mehr brachte ich nicht zu stande. „Lieber Gott, was ist das denn?“ wiederholte ich mich. „Lieber Gott, was ist das denn?“ ein drittes Mal. Dann schaute meine Frau hindurch: „Lieber Gott, was ist das denn?“ Dann der Sohn: „Geil!“ Tatsächlich! Jetzt hatten wir es alle mit eigenen Augen gesehen. Links neben dem Mond stand ein unglaubliches Raumschiff. „Das sieht aber seltsam aus, Papa.“ Mein Sohn hatte Recht. Dieses Schiff schien äußerst farbenfrohe Besitzer zu haben. Und dann diese merkwürdige Form! Irgendwie erinnerte sie mich an den Papierhefter auf meinem Schreibtisch im Büro. Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Vielleicht ist das gar kein Raumschiff. Vielleicht haben die Russen das hochgeschossen oder die Chinesen. Bei denen weiß man ja auch nie“, meinte meine Frau. „Ist natürlich möglich. Aber das müsste dann doch einer bemerkt haben. Und dann diese Form! Völlig fremd.“, entgegnete ich.
Der geneigte Leser wird die Aggression, die in diesem Flugkörper steckt erkennen, wenn er das Bild um ca. 45 Grad nach links dreht. (Linkshänder bitte einmal im Kreis herum laufen)
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors, der dieses Bild aus dem Gedächtnis fertigte. Dieses gelang ihm (nahezu spontan und zum Erstaunen aller Anwesenden) nach der Restentleerung des Tetra-Packs.
Er musste allerdings im Anschluss schwören, dass er so etwas nie, nie mehr wieder macht.
„Kann mal jemand mitkommen und mir die Wohnwagentür aufmachen?“ Der Hund stand hinter uns. Leicht geistesabwesend erwähnte ich dem Sohn gegenüber, dass in Kürze eine Taschengeldkürzung eintreten würde. Unter diesen Umständen erklärte er sich spontan bereit, dem Hund zu helfen und ihm die Wohnwagentür zu öffnen. Wie ich immer sagte: eine gute Erziehung ist die halbe Miete.
Ich fühlte mich allerdings verpflichtet, dem Hund noch ein paar mahnende Worte mit auf den Weg zu geben. „Du egoistisches Haustier, du unsensibles Stinktier! Die Welt geht vielleicht unter und du willst in den Wohnwagen und meditieren. Meditieren, wenn ich das schon höre! In Ruhe pennen willst du und sonst nix.“ „Was sagt Konfuzius… Es ist derselbe Tag, ob du ihn lachend oder weinend verbringst. Der Weg ist das Ziel. Außerdem muss ich lernen, meinen sinnlichen Begierden zu widerstehen und mit dem Kosmos eins zu werden. Und das Gras ist dort auch besser.“ „Das Gras? Was willst du denn damit?“ „Alzheimer oder was? Ich bin ja jetzt Vegetarier und da ihr mir hier nix Vernünftiges gebt, werde ich eben von den Dingen leben, die unsere liebe Mutter Natur uns bereitgestellt hat. Viele Tierlein auf der Welt leben von Gras und Wasser allein.“ Er schüttelte sich leicht. „Gute Idee und guten Appetit. Das ist wenigstens billiger.“ „Der Sohn muss mir auch kurz tragen helfen.“ „Warum das denn? Ich denke, du bist Zen-Mönch und die leben doch spartanisch ohne irgendwelchen Besitz?“ „Nur ein paar Kleinigkeiten!“ „Was denn? Dein Hundekörbchen oder was?“ „Ja, zum Beispiel. Und nachts kann es kalt werden, noch haben wir keinen richtigen Sommer. Deshalb brauche ich noch ein Federbett, eine Wolldecke, ein zweites Kopfkissen, falls mal Besuch kommt, den großen Fernseher und die Satellitenschüssel, wegen Lassie, die Mikrowelle, die Stereoanlage, Bohrmaschine, Werkzeug, Wagenheber, Schweißbrenner und wo sind eigentlich die Autoschlüssel?“ „Du hast wohl nicht alle Nadeln an der Tanne. Wer soll denn wirklich glauben, dass du freiwillig nur eine einzige Nacht dort verbringst? Das ist doch alles nur Show! Du kannst doch gar nicht schlafen, wenn du nicht am Fußende meines Bettes liegst und wenn dir der wunderbare Duft meiner Molekulartheologenfüße in der Nase kitzelt.“ „Oder so! Dann braucht dein missratener Sohn mir nur die Tür aufzumachen.“ „Ich geb´ dir gleich, missraten, du undankbare Töle.“ „Ich weiß, ich weiß! Kein anständiger Hund gilt etwas in seinem Vaterhaus. Erst wenn du in der Fremde bist, wird deine Leistung als Hund und Kleriker anerkannt. Nein, nein nur kein Mitleid, ein einfaches Wort des Dankes hätte genügt…“ Mit diesen Worten drehte er sich um und ging, ohne sich noch einmal umzusehen, hoch erhobenen Hauptes Richtung Wohnwagen. Der Sohn folgte ihm in gebührenden Abstand.
Der vegetarische Hund beißt ins Gras.
Teil 3 – Gesegnete Dummheit
Die Menschen hatten sich verändert. Schlechte Laune war selten geworden und galt bereits als Phänomen. Man traf diese Eigenschaft noch gelegentlich bei den Asthmatikern an. Das lag am Asthma-Spray. Alle anderen waren glücklich. Man musste nicht mehr unbedingt für seine Ernährung sorgen, denn Hunger war ein Gefühl aus vergangenen Zeiten. Meine Mc. Donald- und Coca-Cola-Aktien konnte ich zum Glück gerade noch Karl oder Heinz aufs Auge drücken. Der Pleitegeier kreiste über den Fast-Food-Unternehmen. Das hatte natürlich auch damit zu tun, dass viele Mitarbeiter einfach zu Hause blieben. Der Nachschub geriet ins Stocken. Diejenigen, die die Kühe umbrachten, hatten zu wenig Leichen zum Zerschneiden. Dann wiederum fehlten die Leute, welche die Kuhleichen in die Cutter zum Zerstückeln warfen. Gewürze waren teilweise aufgebraucht, Nachschub nicht in Sicht. Wenn dann die zermahlenen Kuhleichenteile in Frikadellenform gepresst und tief gefroren werden sollten, setzte immer öfter der Strom aus. An dem Zeug, das dann endlich in den Mc. Donald-Burger-King-und-sonst-was-Läden ankam, war der Geschmack noch das geringste Problem. Einzelne Burger kamen schon von ganz alleine aus den LKW´s in die Filialen gekrochen. Auf kleinen, weißen Beinchen! Die Leute in den Restaurants gewöhnten sich an, die Verpackungen zu essen und den Inhalt wegzuschmeißen. Das ging natürlich auf Dauer nicht gut. Dieser Industriezweig war in ernster Gefahr.
So, das musste nun einmal, vom Besitzer des vegetarischen Hundes, gesagt werden. Ich merkte, dass mein Traum langsam aber sicher komplizierter wurde.
Eine meiner größten Sorgen galt allerdings dem Penny-Markt und dessen Grundversorgung aus diversen europäischen Anbaugebieten … Ich nahm mir dringend vor, wenn das hier alles vorbei war, alle diese Anbaugebiete einzeln und ausgiebig zu besuchen.
Vermutlich war der Intelligenzquotient des Homo Sapiens inzwischen auch um einige, gravierende Punkte gefallen. Wohl auch eine Wirkung des Staubs. Knäckebrot hatte in der Zwischenzeit gute Chancen durchs Abitur zu kommen.
Obwohl niemand dieses UFO mit bloßem Auge sah, empfanden es die Menschen als eine Art Bedrohung. Und was passierte wohl als Nächstes? Dieses Gefühl der Ungewissheit konnte auch kein Zimt-Staub und keinerlei Euphorie vollends beseitigen.
Das Schlimmste daran war, dass keiner wusste, was das eigentlich sollte. Etwas
Unheimliches schlich durch die staubdurchtränkten Tagträume und machte sich in den Menschen breit. Niemand konnte sich dem entziehen. Die Meisten reagierten ängstlich. Sie suchten die Nähe anderer Personen und rückten zusammen. Neue Sekten und Religionsstiftungen machten ihren Anfang. Viele flüchteten in den braunen Staub. Die Dealer machten Kasse. Die Politik bekam die Lage natürlich nicht in den Griff. Ausser der FDP: Die Meinung dort war, dass der Mittelstand weiter steuerlich entlastet werden müsste.
Die offizielle Meinung der Grünen war: All you need is love. Atomkraftwerke interessierten sowieso keinen mehr. Die meisten wurden von den Asthmatikern heruntergefahren, um Schlimmeres zu verhindern. In Frankreich gingen die Lichter aus!
Ich stellte mir die Frage, was geschieht eigentlich mit den Leuten, die jetzt sterben? Das mussten ja jede Menge sein. Wer kümmerte sich darum? Ich rief Professor Wichtig auf seinem Handy an. Das Telefon funktionierte auf Anhieb. Er hatte, genau wie ich, eine Aldi-Prepaid-Karte. Das einzige, was noch vernünftig funktionierte, waren Aldi-Prepaid-Handys. Aldi hat eben Qualität. Ich hatte angeregt, dass alle Asthmatiker sich so etwas anschafften. So klappte wenigstens die Verbindung untereinander. Und das für nur vier Cent die Minute, ein wichtiger weiterer Aspekt. Eigentlich Schade, dass der Penny-Markt sich nie an diesen Geschichten beteiligt hatte. Sie hätten natürlich sofort mein Vertrauen gehabt. Ich denke mir, dass man natürlich von der hervorragenden Qualität des Weißweines auch auf die Funktionalität eines Pre-Paid-Telefonsystems hätte schließen können.
Professor Wichtig wusste die Antwort: „Das ist längst geregelt. Haben sie davon noch nichts gehört?“ „Nee, bei dem ganzen Stress hier, hatte ich keine Zeit dazu. Ich kann mich ja schließlich nicht auch noch um jede Nebensächlichkeit kümmern.“ „Es begann alles mit den 1-Euro-Jobs. Das waren alles Arbeitslose, die das machen mussten. Die Leute konnten sich ein Bisschen was dazu verdienen. Sie bekamen ja alle Hartz 4. Soll jetzt übrigens umbenannt werden, in Hartz-Null-Fond. Das Geld wird wohl langsam knapp.“ „Das ist ja eine wunderbare Idee!“ „Einige besonders Fleißige haben dann die „CDFU“ gegründet.“ „CDFU? Was soll denn das sein? Ich kenne nur die CDU.“ „Ja, einige Gründungsmitglieder kamen wohl daher, die hatten ja schon immer mit Mord und Totschlag zu tun und somit Ahnung vom Thema.“ „Und was ist das nun?“ „Der Club der fröhlichen Undertaker! Da die braunen Biotonnen kaum noch gebraucht wurden, hat man die Toten direkt darin beerdigt. Wenn man ein Bisschen stopft, kriegt man sogar zwei da rein. Häufig konnte man auch noch ein paar Garten- oder Küchenabfälle dazu tun. Aber da es immer mehr wurden, ist man dazu übergegangen, die Biotonnen ordnungsgemäß in die Müllverbrennungsanlagen zu fahren und dort zu entleeren. Mittlerweile gibt es regelrechte Biotonnen-Wettrennen. Schöne Preise werden bereits ausgesetzt. Neulich sogar der neueste MP9-Player vom Kaufhof. Ein ganz neuer Berufszweig ist hier, quasi bei Nacht und Nebel, entstanden, das ist das Wunderbare. Formel Eins ist out, Tonnenrennen in. Man will da eine Aktiengesellschaft draus machen. Ich werde auf jeden Fall mit einsteigen.“ Ich war sehr froh, dass es wenigstens an einigen Stellen in der Wirtschaft wieder aufwärts ging und die Leute zu tun hatten. …
… Schweißgebadet wachte ich auf. Was für ein Albtraum! Leichen in Biotonnen …, dass ging entschieden zu weit. Ich stolperte zum Klo und danach direkt zum Kühlschrank, um die verlorene Flüssigkeitsmenge wieder aufzufüllen. Mir war unwohl. Die Nase war auch dicht und der Kopf brummte. Ich sollte doch wohl nicht krank werden? Da war wohl eine Grippe im Anmarsch. Es war kühl, ich fröstelte am ganzen Körper. Im Medizinschrank waren zum Glück noch Nasivin-Nasentropfen und Ass-Ratio-Farm 500. Ich nahm zwei aus der Packung und spülte sie mit einem kräftigen Schluck aus dem Tetra-Pack hinunter. Schnell ins Bett, bevor ich zur Eissäule erstarrte. Natürlich lag der blöde Hund wieder auf dem Kopfkissen. Etwas rabiater als sonst, schob ich ihn ans Fußende. Er merkte, dass es mir ernst war und verzichtete, wohl in einem Anfall von Nächstenliebe, mir in den Fuß zu beißen. …
… das UFO stand da und machte nichts. Es stand einfach nur da. Jeder spürte die Gefahr, die von ihm ausging oder meinte diese mindesten zu verspüren.
Zu diesem Thema gab es verschiedene Meinungen, die natürlich auch von den jeweiligen Parteien vehement verfochten wurden: Die einen meinten, das Schiff sei bemannt und sie würden irgendwann landen und mindestens die Weltherrschaft übernehmen. Vorher natürlich alle umbringen und danach einsperren. Die anderen meinten, es sei einfach ein riesiger Satellit, der sich verirrt hatte. Die Besitzer würden ihn schon wieder einfangen. Die Dritten hielten das ganze für einen kommunistischen Komplott. Ich selbst tendierte mehr zur Weltherrschaftstheorie. Vielleicht brauchten die dann einen tüchtigen Molekulartheologen. Die FDP meinte, dass der Mittelstand …
Viele Wissenschaftler waren sich darin einig, dass die Vorkommnisse der letzten Zeit mit dem Raumschiff in Zusammenhang stehen müssten. Das war auch die offizielle Meinung der Molekulartheologie: Raumschiff = Zimt-Staub = Datura mineralis = kein Hunger = alle glücklich! Glücklich und doof!
Ich warf mir den Berotec-Munitionsgürtel über die Schulter und fuhr ins Institut. Die Straßen waren weitgehend leer. Kaum Autoverkehr, nur hier und da ein fleißiger Arbeiter mit brauner Biotonne …
Karl oder Heinz kam in mein Büro. „Vorhin hatte ich eine riesenlange SMS auf meinem Handy.“ „Und was stand da Wichtiges drin?“ „Etwas Unvorstellbares ist passiert. Einige Asthmatiker haben es tatsächlich geschafft, sich bis Dubai durchzuschlagen.“ „Unglaubliche Leistung, meine Hochachtung. Stand in der SMS auch, wie die das geschafft hatten?“ „Klar, war ja ´ne lange SMS. Also: Mit dem Flieger von Aldi-Tours, nach Rom, dann mit einer Vespa bis zur Küste, dann mit einem Gummiboot nach Griechenland, dann mit zwei geklauten Fahrrädern nach Athen, dann wieder zurück zur Küste, weil einer seine Zahnspange liegengelassen hat, dann wieder nach Athen, dann mit einem lecken Fischerboot nach Dubai. Den Rest dann zu zweit auf einem schizophrenem Kamel.“ „Donnerwetter, was für ein Abenteuer. Ich werde diese Asthmatiker für eine besondere Ehrung vorschlagen. Und was haben sie in Dubai erreicht?“ „Keine Ahnung, Akku war wohl leer.“ „Na ja, immerhin.“
In diesem Moment hörte ich die Melodie aus Dr. Schiwago. „Wo kommt denn die grässliche Musik her?“ „Das ist der Klingelton in meinem Handy. Da kommt wohl wieder ´ne SMS“, sagte Karl oder Heinz. „Los, laut vorlesen“, ordnete ich an. „12 Eier, 1 Liter Milch, Vanillezucker, 3 Dosen Original-Berotec-Asthmaspray und treibe dich nach der Arbeit nicht wieder mit diesem blonden Flittchen rum.“ „Haben die jetzt in Dubai einen Sonnenstich oder ist jemand vom Kamel gefallen?“ „Ne, das war von meiner Frau.“ Ich fasste mir an den Kopf. Ob der jetzt auch schon heimlich mit Staub dealte? Ich fragte ihn danach. „Ja, verdiene mir jetzt auch ein Bisschen was dazu und als kluger Geschäftsmann muss ich ja vorher immer die Qualität testen.“ Er murmelte noch etwas, wie: „Bei der Scheiß Bezahlung hier …“
Hatte ich es mir doch gedacht! Dr. Schiwago ertönte. „Und?“ „Schwiegermutter kommt heute Abend. Chef, kann ich nicht ein paar Überstunden machen?“ „Na gut, will mal nicht so sein, Ausnahmsweise. Aber ohne Bezahlung, versteht sich. Den Ärger mit der Gewerkschaft mache ich nicht mehr mit.“ „Danke, Chef.“ Er verbeugte sich fast, bis zum Laminatboden. Ich schwor mir, irgendwann Karl oder Heinz rauszuschmeißen.
Dr. Schiwago: „ … und ist jetzt die Katze überfahren worden oder was?“ „Nee, aus Dubai.“ „Brauchst du eine schriftliche Einladung?“ „Hier steht: In Dubai ist kein Mensch mehr auf den Erdölfeldern. Die Produktion ist komplett zusammengebrochen. Alle Männer sind weg. Wo, haben die nicht rausgekriegt. Nur noch die jungen Frauen sind da.“ „Das ist ja schrecklich! Und was gedenken die Herren Asthmatiker jetzt zu tun?“ „Sie halten die Stellung und unterstützen die jungen Damen. Einer ist bereits zur Tarnung verlobt. Mit ´nem kompletten Harem eines Ölscheichs, der verschwunden ist.“ „Brave Männer! So allein in der Diaspora und selbstlos tätig. Wie können wir das je wieder gut machen.“ „Chef?“ „Ja.“ „Wie kommt man nach Dubai?“ „Nix da, ihr werdet hier gebraucht. Wir müssen schließlich die Welt retten.“ „Ach so.“

„Was macht eigentlich die Hunger-Werbecampagne und die Heavy-Metal-Band?“ „War ein voller Erfolg, Chef“, ertönte es aus dem Türeingang. Karl oder Heinz gesellte sich zu seinem Bruder. Ich musste mir merken, dass ich einem von Beiden eine Gehaltserhöhung gab. Einer von Beiden war wirklich tüchtig. Im Gegensatz zu seinem Bruder, diesem Nichtsnutz. „Und wie läuft die Berotec-Produktion?“ „Auf Hochtouren! Es wird aktuell soviel produziert, wie in den letzten fünf Jahren zusammen. Dadurch musste die chemische Industrie natürlich Kompromisse machen und die Produktion anderer Dinge herunterfahren.“ „Mmmh, was denn zum Beispiel?“ „Zum Beispiel die chemischen Zusätze, die gewissen Weißwein-Tetrapacks zugefügt werden, um ihn haltbar zu machen und immer den gleichen Geschmack zu erzeugen. Ich habe gehört, dass besonders der Penny-Markt betroffen ist.“ Ich wurde blass. Das ging entschieden zu weit. „Sprechen sie mit dem entsprechenden Asthmatiker. Wir dürfen die Industrie auf keinen Fall hängen lassen. Die Folgen wären ja nicht auszudenken.“ „Ich kümmere mich sofort darum.“ Guter Mann, dachte mir. „Und jetzt zu dir, Nichtsnutz.“ Ich drehte mich zu Karl oder Heinz um. Wie Geschwister nur so verschieden sein konnten … „Versuche sofort Professor Wichtig an die Strippe zu kriegen oder noch besser: Vielleicht kann er ja kurz herkommen. Er ist der beste Quell für Neuigkeiten aller Art.“ Karl oder Heinz stand wortlos auf und verließ den Raum. Er schien mir etwas beleidigt zu sein. Karl oder Heinz drehte sich um und ging seinem Bruder hinterher.
Ich kratzte mich am Kopf. Bei diesem kurzen Dialog fiel mir zum ersten Mal, nach all den vielen Jahren, etwas auf: Und zwar ein kleiner aber gravierender Unterschied zwischen Karl und Heinz! (By the way, lieber Leser: Dir ist es natürlich nix aufgefallen. Hab´ ich mir doch gedacht. Lass lieber die Finger vom Staub)
… und zwar: Mit einem der Brüder duzte ich mich und mit dem anderen nicht!
Ha, jetzt hatte ich sie! Vorbei die Zeit, wo sie mich aufs Glatteis führen konnten. Verarschung war gestern. Bei nächster Gelegenheit würde ich sie mit meiner Erkenntnis verblüffen und ihnen die Schamröte ins Gesicht treiben.
„Hahahahatschi!“ „Gesundheit.“ „Danke. Und?“ Karl oder Heinz stand wieder in der Tür. Jetzt wird gleich die Stunde der Wahrheit schlagen. Ich werde ihn zum ersten Mal mit seinem richtigen Namen anreden. Der Schreck wird ihm fürchterlich in die Glieder fahren. „Professor wichtig wird in 10 Minuten hier sein.“ „Haaaaaaaaaaaaaatschi.“ Ich musste mich irgendwo erkältet haben. Mir fröstelte, die Glieder schmerzten etwas und der Kopf brummte. Dem musste ich als Allererstes Einhalt gebieten, um meine, für die Menschheit so wichtige, Arbeitskraft zu erhalten. Natürlich waren augenblicklich Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Da halfen nur alte Hausmittel.
Ich vermied Karl oder Heinz direkt mit Namen anzusprechen. Der Triumph sollte allumfassend sein und wie ein Erdbeben über ihn kommen. „Du musst mir ganz schnell etwas besorgen, damit ich einen klaren Kopf behalte. Ich glaube, ich kriege ´ne Grippe.“ Er zuckte nicht einmal, als ich ihn duzte. Dem Täter auf der Spur. „Ich brauche ganz dringend und blitzschnell eine Flasche Rum und eine Kanne Tee, dazu dreißig Süßstoff, aber zack, zack, wenn ich bitten darf.“ Er machte auf dem Absatz kehrt und wollte den Raum verlassen. Ich hatte ihn vorsichtshalber in Sicherheit gewogen. Tja, Molekulartheologen sind unglaublich schlau! … und jetzt kam´s: „Hör mal …“ Er drehte sich langsam um. Vielleicht ahnte er schon etwas aber ich glaube eigentlich nicht. „Ich hab da noch mal ne Frage.“ Ich schlug die Augen nach unten und betrachtete scheinbar belanglos aber natürlich hoch konzentriert, das Laminat. „Ja, Chef?“ „Wenn wir mit einander sprechen und uns ganz normal unterhalten; sagen wir mal, bloß so über das Wetter. Es muss nicht einmal das Wetter hier in dieser Gegend sein. Ich meine es kann auch das Wetter am Südpol sein oder von mir aus in Österreich.“ „Wieso in Österreich? Ich war noch nie in Österreich. Ich fahr in meinen drei Tagen Jahresurlaub immer ans Meer. Österreich ist zu weit, dass schaffe ich nicht in der kurzen Zeit. Und überhaupt …“ „Das war doch nur ein Beispiel, meine Güte.“ „Ja aber …“ „Es ist egal, über welches Wetter, wir uns belanglos unterhalten. Von mir aus das Wetter in Italien.“ „Italien?“ „Spielt keine Rolle, dann eben Timbuktu, ist absolut unwichtig.“ „Timbuktu ist unwichtig?“ „Ja, nein, egal ich will nur Eines wissen: Duzen oder siezen wir uns dann?“
Triumph, Triumph, erwischt, erwischt! Lasset uns jubilieren! Die Antwort kam spontan und ließ keinen Zweifel offen. „Mal so und mal so, Chef.“
Meine Schrotflinte war im Moment nicht erreichbar, eine Keule besaß ich nicht. Den Bruchteil einer Sekunde, ich schwöre, Doppelschwur, wirklich nur den Bruchteil einer Sekunde dachte ich daran, ihn zu erschießen. Welche Wonne, das Problem wäre für immer gelöst! Für alle Zeiten frei. Ich griff nach dem letzten Strohalm, die allerletzte Chance. Mit einer Hand griff ich mir ans Herz, mit der anderen hielt ich mich am Schreibtisch fest: „Wie heißt Du?“ Die Antwort kam ohne zu zögern, wie aus der Pistole geschossen: „Aber das wissen sie doch Chef: Karl-Heinz!“
Als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, erblickte ich in das aufgedunsene Gesicht von Professor Wichtig. Er war über mich gebeugt, fächelte mir mit einem Schnellhefter Luft zu und versuchte eine Mund- zu- Mundbeatmung anzusetzen. Zum Glück übergab ich mich.
Öffentlicher Aufruf:
Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Hündin, lieber Hund, lieber Pullover, liebe Pulloverin!
Du hast gesehen, wie sehr ich mich um Karl oder Heinz bemühe. Nahezu liebevoll und uneigennützig! Als wären sie quasi meine eigenen Brüder, ein Teil meines Herzblutes. Helft mir, helft mir alle!
Wenn irgendjemand eine Antwort auf dieses Problem weiß, bitte ich um eine kurze Mail:
molekulartheologie@gmx.de oder molekulartheologie@gmx.net
Vielen Dank!
Ihr Leiter des Institutes für angewandte Molekulartheologie
… und jetzt weiter:
Nachdem Professor Wichtig die Überreste meines Mittagessens von seinem Sakko gebürstet hatte, bat ich ihn Platz zu nehmen. Ich ließ mich erschöpft in meinen Schreibtischsessel plumpsen. Er saß mir direkt gegenüber. Auf dem Tisch stand bereits eine Kanne mit dampfendem schwarzen Tee und eine Flasche 54%igen Rum, der Marke „Admiral“, selbstverständlich auch wieder eine Spitzenabfüllung aus dem Penny-Markt. Wohlgemerkt! KEIN VERSCHNITT! Echter Rum und das nur für 6,49 €. Dafür kann man nicht extra in die Karibik fahren. Na gut, kleiner Tipp am Rande.
Ich ließ eine zweite Tasse kommen. Professor Wichtig´s blutdruckgerötetes Gesicht erfüllte sich mit unverhohlener Dankbarkeit. Ich schenkte selber ein, so wie es meine Vorfahren mich gelehrt haben. Hier das Geheimrezept: Fünf Teile Rum, ein Teil Tee, acht Süßstoff. Das Ganze, mit einem Fitzelchen Zitrone wäre noch besser gekommen. Leider hatte ich die Zitrone bei meiner Bestellung vergessen. Wenn nur einer dieser Trottel einmal selbständig mitdenken würde. Vielleicht sollte ich doch beide rausschmeißen. Aber Karl oder Heinz war wirklich gut. Ich brauchte ihn.
Ich berichtete Professor Wichtig kurz, was wir aus Dubai erfahren hatten. „Wenn das dort so ist, wird es in den anderen Erdölgebieten nicht anders sein. Kein Wunder, das der Liter Super bleifrei jetzt schon bei 32,90 € liegt.“ „Das wird noch schlimmer. Zum Glück haben wir noch schnell alles bei 14,70 € voll getankt.“ „Wir wissen jetzt immer mehr. Zum Beispiel hat ein Asthmatikerneurologenspezialteam herausgefunden, dass der braune Staub bei den Homo Sapiens einzelne Teile des Gehirns förmlich weggeblasen hat und diese Information in der DNS verankert wurde.“ „Was heißt das im Klartext?“ „Der IQ des Homo Sapiens ist pauschal um 40 bis 50 Prozent gesunken.“ „Bei allen Menschen?“ Ich hatte einen Kloß im Hals. „Nein, mit Ausnahme der Asthmatiker. Da liegen die Werte besser. Ich vermute das Berotec hat uns vor dem Schlimmsten bewahrt.“ Ich atmete auf. „Und wie liegen die Werte bei den Asthmatikern?“ „Da sind die Werte nur um 39 bis 49 Prozent gesunken. „Immerhin! Wie hat denn die Politik darauf reagiert?“ „Also, die FDP sagt …“ „Schon gut! Und weiter?“ Einige besonders starke Problemfälle sind erwartungsgemäß bei bayrischen Politikern aufgetreten.“ „Was ist den Armen denn passiert?“ „Ist doch klar: Da ist ja viel Landadel in der Partei vertreten und wenn man vorher nur einen IQ von 65 hatte, kann man sich ausmahlen, was passierte.“ „Um Gottes willen, das ist ja furchtbar!“ „Einige von denen müssen jetzt gefüttert werden.“ „Das war bei manchen schon vorher der Fall. Was ist denn mit diesem grauhaarigen Vorsitzenden passiert. Konnte der wenigsten das Schlimmste verhüten? Wie heißt der noch gleich? Sie wissen schon, der immer so mit den Armen rumfuchtelt.“ „Der sitzt seit etlichen Tagen auf einer Tanne und jodelt.“ „Na ja, wenigsten hat er seine Stimme nicht verloren.“ Ich konnte den noch nie leiden.
„In diesem Zusammenhang ist noch etwas Merkwürdiges passiert.“ „Spannen sie mich nicht weiter auf die Folter.“ „Dieses Phänomen der IQ-Absenkung war nur beim Homo Sapiens zu beobachten. Bei den anderen Säugetieren ist der Effekt genau in das Gegenteil umgeschlagen.“ „Interessant, ich habe einen Hund …“ „Bei allen Säugetieren wurden neue Gehirnareale aktiviert. Deren IQ hat um 400 bis 500 Prozent zugenommen.“ „Heißt das etwa, dass ich mich jetzt und in Zukunft mit meinem Essen rumstreiten muss?“ „Keine Ahnung! Aber man munkelt bereits von ersten Gewerkschaftsgründungen in Schweineställen. Die Herren und Damen Schweine sind auf einmal nicht mehr mit der Boxengröße und den Futterbeimischungen einverstanden und so. Dabei war das doch immer so. Die FDP meint …“ „Recht so, ich bin sowieso für biologische Landwirtschaft und habe nie verstanden, warum man die armen Viecher nicht draußen frei rumlaufen lässt.“ „Wenn sie viel rumlaufen, sind sie auch wesentlich schmackhafter.“ „Genau!“ „Genau.“ „Allerdings ist durch die ganze Situation noch ein großes Problem aufgetreten.“ „Es sind unendlich viele Probleme aufgetreten, die Welt ist nicht mehr die, die sie mal war.“ „Sie treffen den Nagel auf den Kopf aber schlimmer noch, als sie es sich in ihren kühnsten Träumen erwartet haben. Die ganze Angelegenheit hat nämlich einen Nebeneffekt, mit dem ich wirklich nicht gerechnet hatte.“ „Und?“ Dadurch, dass immer weniger fossile Brennstoffe, besonders Erdöl, verbraucht werden, nimmt der CO2-Ausstoß natürlich immer mehr ab.“ Da hatten wir es! Mir fröstelte und ich schenkte noch Rum mit Tee und Süßstoff nach. Ich wusste, was jetzt unweigerlich kommen musste. Der Super-Gau! Und er sprach es aus: „Die Erderwärmung und Klimakatastrophe wird wohl auf Grund des zu geringen CO2-Ausstoßes nicht stattfinden können. Die FDP meint …“
Da hatten wir es! Ich hörte gar nicht mehr richtig hin. Jeder musste wissen, was das zu bedeuten hatte: Genau, wie früher würden wir lange, lange kalte Winter bekommen. Die Durchschnittstemperaturen würden wieder fallen. Der Sangria würde im Penny-Markt immer früher aus den Regalen verschwinden und gegen Glühwein ausgewechselt werden. Ich müsste die Balkonkästen wieder einen Monat später bepflanzen.
Ich schwor mir, alles zu versuchen und koste es mein Leben, um das zu verhindern.
„Da ist noch was!“ Reichte es noch immer nicht? Ging der Penny-Markt jetzt auch noch Pleite oder was? „Es ist ein neues Gesetz verabschiedet worden, wegen der Erdölknappheit. Man hat eine neue Regelung getroffen, die für alle, ohne Ausnahme gilt.“ Jetzt kommt´s, dachte ich mir. „Und zwar dürfen alle Autobesitzer, die eine gerade Zahl am Ende des Nummernschildes haben, nur noch an ungeraden Tagen fahren. Die eine ungerade Nummer am Ende des Nummernschildes haben, nur noch an geraden Tagen.“ „Oh, vielen Dank, dass sie mich rechtzeitig warnen. Ich werde augenblicklich einen meiner Assistenten beauftragen, ein zweites Nummernschild zu besorgen. Das kann man dann ja in den Kofferraum legen. Aber sagen sie mir mal, warum hat man das eigentlich nicht so geregelt, dass die Autofahrer mit geraden Endnummern an geraden Tagen und die mit ungeraden Endnummern nicht an ungeraden Tagen fahren dürfen sondern die mit geraden Endnummern an ungeraden Tagen und die mit ungeraden Nummern an geraden Tagen oder umgekehrt?“ „Der Staub! Ich hätte da noch was.“ „Noch was?“ „Ja, noch was. Die Datura mineralis geht überall zu Grunde.“ „Na endlich mal was Positives. Noch ´nen Tee, hub ..?“ „Gesundheit, ja gerne. Die Daturas haben sich schon zu circa 50 Prozent aufgelöst. Es könnten allerdings auch schon sogar ungefähr die Hälfte aller Pflanzen betroffen sein. Wäre es nicht so spät im Jahr, könnte man versuchen, eine neue Saat in den Boden zu bringen. Allerdings wird die wohl nicht bis zur Ernte durchhalten, jetzt wo unser Klimawandel zu kippen droht.“ „Die Probleme addieren sich, es ist traurig genug. Ob wir da wohl jemals wieder rauskommen?“ „Die Verseuchung der Atemluft durch die Zimtstaubreste scheint allerdings rapide zu schrumpfen. Man spricht schon wieder von ersten Hungergefühlen bei einzelnen Leuten. Ist allerdings noch nicht bewiesen. Man hört es so munkeln …“ „Man sollte viel mehr Tee trinken! Noch ´n Schluck?“ „Gerne!“ „Hup, dann ist ja bald wieder alles beim Alten?“ „Gesundheit! Sieht beinahe so aus aber mit einem Unterschied …“ „Und hup, der wäre?“ „Gesundheit! Was einmal kaputt ist, ist kaputt.“ „Machen wir wieder heile.“ „Ja, bei den materiellen Dingen wäre das natürlich theoretisch möglich aber es wird an der Praxis scheitern. Der Rum ist alle.“ „Ich la la lasse neuen holen, kein Problem. Aber wieso scheitert es an der Praxis?“ „Wie ich bereits erwähnte; was kaputt ist, ist kaputt.“ „Wie wie Wiederholung, ha ha ha … hup.“ „Gesundheit. Die Gehirne …“ „Wa wa was für Gehirne?“ „Die Gehirnzellen der Menschen sind geschädigt und das lässt sich nicht mehr reparieren. Und die Tiere kriegen wir auch nicht mehr wieder doof.“ „Ach quatsch!“ Ich wischte diese Argumente mit einer Handbewegung vom Tisch. „Wozu gibt es denn den Bund der Asthmatiker und wozu die hoch gerühmten Molekulalalalartheologen? Und ein paar doofe Menschen werden doch wohl noch in der Lage sein, ein paar doofe Kühe zu züchten. Übrigens meint die FDP …“ „Hören Sie mir auf! Da ist übrigens noch was!“ „Noch was? Moment, die Grippe.“ Ich rief, so laut ich konnte, trotz meiner schweren Erkrankung: „Karl-Heinz, Nachschub!“ Tee und Rum waren leider alle.

Der Zen-Hund, auf einer alten chinesischen Zeichnung. Bei genauem Hinsehen erkennt
man, dass auf der anderen Seite des Bildes, vor langer, langer Zeit ein Sudoku gefertigt wurde.
Ja, ja, Papier war damals knapp ...
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